„Wo man singet, da lass dich ruhig nieder,
ohne Furcht was man im Lande glaubt;
wo man singet, wird kein Mensch beraubt,
böse Menschen haben keine Lieder.“ [Q01]
In diesem Lied von Johann Gottfried Seume [Q01] wird das beschrieben, was wohl gerade in der Musikpädagogik zu gerne geglaubt werden würde. In unserem Alltag empfinden wir Musik als etwas Positives und mitunter auch Heilendes. Darüber kann sehr leicht vergessen werden, wie manipulierend Musik sein kann [*02] und wie stark sie auch zur Manipulation missbraucht wurde.
Aus Sicht der Musizierenden dieser Zeit gab es neben den vielen Repressionen gegenüber Musiker*innen auch einige positive Effekte und Erfahrungen, die im Folgenden benannt und kritisch hinterfragt werden sollen.
- Vor dem Zweiten Weltkrieg
- Leo Kestenberg und seine Reformen
- Politische Funktion von Musikerziehung
- Ziele musikalischer Bildung
- Musik als Mittel für Zusammenhalt und Mut
- Liedgut der Kinder und Jugendlichen
- Aus einem Liederbuch
- Institutionen der Musikausübung
- Nach dem Zweiten Weltkrieg: Wiederaufbau
- Fazit und Quellenlage
Vor dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte das deutsche Volk viele Tote zu beklagen. Noch dazu herrschte Not und Chaos und Deutschland musste die Alleinschuld für den Krieg eingestehen. Das gab Extremisten von links und rechts Auftrieb [Q03]. Teilweise wünschte die Bevölkerung explizit ein „Führer“, schon bevor Hitler überhaupt bekannt war. [Q04, S.145]
Musiker*innen empfanden sich als eine Elite, die jede Kritik von außen ignorierte [Q04, S.139]. Dich sie blieben von den äußeren Umständen nicht unberührt. Auch im künstlerischen Bereich herrschte ein gestärktes Gemeinschaftsdenken, wie folgendes Zitat von E. Preußner aus dem Jahre 1926 eindrücklich zeigt: „Musik des Einzelnen gibt es in Wahrheit überhaupt nicht, Musik klingt nur durch die Gemeinschaft.“ [zitiert nach Q04, S.139]
Bewegung wie die „Wandervögel“ prägten die musikalische Arbeit mit Jugendlichen. Sie wendeten sich gegen das „Bürgerliche“, was sich ihrer Meinung nach in Opernhäusern und Konzertsälen fand. Außerdem waren sie gegen die „Herrschaft von Pädagogen“[Q05, S.243]. Die „Wandervögel“ wollten ihren selbst entwickelten Lebensstil leben dürfen [Q06].
Leo Kestenberg und seine Reformen

Die akademische Ausbildung von Musikern (hier tatsächlich zumeist Männern) wurde stark gefördert. Die musikpädagogische Ausbildung erhielt allerdings kaum Förderung. Dadurch entschieden sich kaum welche der jungen Musiker für eine Lehrerlaufbahn [Q01, S.141]. Der Musikunterricht an Schulen blieb in vielen Fällen auf das Singen von Liedern beschränkt [Q01, S.141]. Einer der Gründe dafür ist, dass viele der unterrichtenden Lehrkräfte nur unzureichend in Musik ausgebildet waren[Q01, S.117].
Dagegen steuerte eine unter den damaligen Musikpädagogen kritisch diskutierte Reform: Die Kestenberg-Reform sah eine „Pädagogik vom Kinde aus“ vor, in der künstlerisches Schaffen, Kreativität und vor allem Improvisation großen Wert hatte [Q01, S.108]. Sie ist benannt nach dem damaligen Musikreferenten des preußischen Kulturministeriums, Leo Kestenberg [Q07].
Da diese Art der Pädagogik gerade für Lehrer, die Musik fachfremd unterrichteten, sehr kompliziert und arbeitsaufwändig war, hofften viele auf eine Vereinfachung und klare Regeln, wie sie ihren Unterricht zu gestalten hatten [Q01, S.122]
Politische Funktion von Musikerziehung

Der nationalsozialistische Staat wies allen Bereichen und Institutionen eine politische Funktion zu, so auch der Erziehung [Q01, S.122]. So heißt es zum Beispiel: „Die deutsche Jugend […] soll bewußt geformt werden nach Grundsätzen, […] die sich als richtig erwiesen haben: nach den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung.“ [zitiert nach Q01, S.122]. Dies hatte zum Beispiel die Hitler-Jugend zu ihrem Anspruch gemacht. Sie wollte alle Jugendlichen körperlich, geistig und sittlich in ihrem Sinne erziehen und bezog dafür bewusst auch die Kultur mit ein. [Q01, S.95]
Die „musische Erziehung“ spielte neben Sport- und Werkerziehung eine wichtige Rolle [Q01, S.93] und war entsprechend angesehen. Ernst Krieck schrieb 1933 über sie: „Wehrhaftigkeit vollendet sich erst im Seelischen, in Haltung und Ethos, in Ehre, Hingebung und Gefolgschaftstreue. Dahin führt aber zusammen mit der leiblichen Übung erst die musische Erziehung durch die Formgewalt der rhythmischen Künste.“ [Q08] So ist also zu beachten, dass die Musik nicht der Kunst wegen gefördert wurde, sondern immer als nützlich für die Wehrhaftigkeit des Volkes betrachtet wurde. Georg Rolle beschreibt zum Beispiel in seiner „Didaktik und Methodik des Schulgesangsunterrichts“ bereits 1913, wie das Singen die Atmung fördere und damit eine „Lungengymnastik erzielt wird, die nicht einmal durch das Turnen erreicht werden kann. [Q09]
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Ziele musikalischer Bildung
Der Gedanke einer erzieherischen Kraft der Musik war nicht neu: Schon im alten Griechenland ging man davon aus, dass bestimmte Modi (im Sinne von Tonskalen) auf Erziehung von Menschen Einfluss nehmen können [Q10]. Im Nationalsozialismus führte dies zu Diskussionen unter Musikern und Musikwissenschaftlern um den ethischen Wert von Dur und Moll. Prieberg schreibt dazu später: „Wenn sich auch nicht zweifelsfrei klären ließ, ob Dur nordischer töne als Moll oder ob nicht gerade Moll dem germanischen Gusto Genüge leistete, tat dies der Literatur zum Singen und Musizieren keinen Abbruch.“ [Q05, S.253]
Aufgaben und Ziele musikalischer Bildung waren in Lehrplänen und an anderen Stellen nicht sehr genau definiert. Es lag nicht im Sinne des nationalsozialistischen Staates, sich genauestens mit den Anforderungen von Musikunterricht auseinanderzusetzen, und Vorgaben zu machen, die etwa die Kenntnis von Werken, Notation oder das eigenständige Musizieren betrafen. Vielmehr ließ man in diesem Bereich den Pädagogen relativ freie Hand. Als Ziele der Musikpädagogik wurden dagegen Formulierungen wie „Dienst am Volk“, „völkisch-deutsche Gemeinschaft“, die Schüler*innen sollten „sich ihrer Heimat […] verbunden fühlen“ und „das deutsche Lied schön, bewusst und freudig singen“ [Q01, S.105] gewählt.
Musik als Mittel für Zusammenhalt und Mut
Diese Ziele erreichte man vor allem dadurch, dass das gemeinsame Musizieren ein Mittel zur Gemeinschaftsbildung wurde [Q01, S.94]. Dabei spielte die musikalische Gestaltung von Festen durch Laien- und Profiensembles eine große Rolle. Das führte unter anderem dazu, dass gemeinschaftliche Auftritte in Kombination mit nationalsozialistischer Propaganda erlebt wurden und somit mit positiven (Erfolges-)Gefühlen verknüpft wurden. Die Musik als solche spielte keine Rolle mehr: „Der Begriff Chor […] bedeutete musikalische Gemeinsamkeit der Stimmen und Klänge. Wesentlich ist heute das menschliche Miteinander; die Mehrstimmigkeit spielt dabei keine Rolle mehr.“ [Q11]
Die Manipulation durch das gemeinsame Musizieren war so stark, dass der Zeichner Tomi Ungerer noch 1981 über diese Zeit sagte: „Und ich weiß – das mach‘ ich jetzt nicht mehr, aber noch vor einigen Jahren-: Wurd‘ ich so ein bisschen niedergeschlagen, keine Depression, aber doch so ein bisschen nach unten, dann hab‘ ich immer automatisch Nazilieder gesungen, dann ist das sofort wieder alles stramm, geradeaus… Das ist mir eine gute Medizien gewesen. Weil diese Lieder in mich eingespritzt worden sind wie eine Droge.“ [zitiert nach Q05, S.242] – Das Interview durfte aufgrund seiner Aussagen über den Nationalsozialismus nicht veröffentlicht werden [Q05, S.242].
Liedgut der Kinder und Jugendlichen
Zu Beginn der Ära Hitler gab es wenig allgemein bekanntes Liedgut, dass der Propaganda der Nationalsozialisten entsprochen hätte. Man konnte auch keine lange Tradition zurück greifen. Dafür konnten die Jugendbewegungen der Weimarer Republik mit einem großen Schatz an Liedern dienen, die oft einfach übernommen wurden. [Q01, S.95]
Volkslieder, als „Lieder der Gemeinschaft“ bezeichnet, bildeten die Grundlage der musikalischen Arbeit. [Q01, S.97] In den Spielscharen sang man, was sich an Literatur fand: Volkslieder und politische Lieder, auch Lieder der einstigen Jugendbewegungen, fast egal welcher Richtung, sowie „Kitsch und Epigonisches“. [Q05, S.244] Trotzdem war die offizielle Verlautbarung, dass „im Vordergrund das neue Kampf- und Feierlied“ stehen solle, „in dem sich die Jugend zu der Weltanschauung Adolf Hitlers […] bekennt.“ [Q05, S.252] Ein Hinterfragen der Liedtexte war nicht vorgesehen. [Q01, S.108]
Wichtigstes Arbeitsmittel im schulischen Musikunterricht war dementsprechend das Liederbuch, wobei neue nationalsozialistische Liederbücher erst 1939 veröffentlicht wurden. Davor hatte man mit Hilfe der Hochschulen kurzfristig erstellte Ergänzungshefte und Liederblätter zu den bereits genutzten Liederbüchern herausgegeben. [Q05, S.255; Q01, S.113]
Aus einem Liederbuch
In einem Vorwort eines Liederbuches von 1934 heißt es:
„Jugendgenossen! Dies Liederbuch gehört Euch! Was uns stark macht, singen wir – im Krieg und in der stillen Stunde. Wort und Ton sind Waffen der Bewegung gegen alle Widersacher. In Euch aber entfache das Lied immer neue Glut der Begeisterung. Denn es ist klingendes Bekenntnis zu Führer und Volk.“ [Q01, S.146]
Nur beispielhaft möchte ich hier einen Liedtext einstellen, der die nationalsozialistische Ideologie sehr deutlich zeigt. Der Text stammt von Herbert Böhme und wurde von Georg Götsch vertont. Er stammt aus dem Liederbuch „Singende Mannschaft“ von 1940:
„Eine Trommel geht in Deutschland um,
und der sie schlägt der führt,
und die ihm folgen, folgen stumm,
sie sind von ihm gekürt.
Sie schwören ihm den Fahnenschwur,
Gefolgschaft und Gericht,
er wirbelt ihre Schicksalsspur
mit ehernem Gesicht.
Er schreitet hart der Sonne zu
mit angespannter Kraft.
Seine Trommel, Deutschland, das bist du!
Volk, werde Leidenschaft!“ [Q.01, S.144]
Institutionen der Musikausübung
Kulturamt der Reichsjugendführung
1935 wurde das „Kulturamt“ in der Reichsjugendführung (RJF) gegründet [Q01, S.146]. Um eine „neue lebendige Pflege der Hausmusik zu erreichen“, wünschte sich Wolfgang Stumme, Musikreferent der RJF [Q12]: „Unser Volk soll bis zum letzten Mann mit uns die neuen Lieder des Volkes singen. Wir wollen die musikalisch besonders begabten und interessierten Jungen und Mädel in Spielscharen zusammenfassen.“ [Q01, S.97] Die RJF wählte das „Liedgut“ aus, war zuständig für die Einstellung musikalischer Mitarbeiter*innen und entwarf eine eigene Praxis der Musikpädagogik. [Q05, S.245]
Auch das System Musikschule übernahm die RJF [Q05, S.245]. 1944 gab es etwa 160 „Musikschulen für Jugend und Volk.“ [Q01, S.97] Durch die intensive Werbung für den Instrumentalunterricht lernten ungefähr 120.000 Jugendliche ein Instrument in dem von der RJF angebotenen Unterricht. [Q05, S.251] Außerdem schuf und übernahm die RJF „Musikeinheiten“, wie Chöre, Singscharen, Instrumentalgruppen, Spielmannszüge und weitere, die die Aufgabe hatten, Feste musikalisch zu begleiten. [Q01, S.98] Im Zentrum stand das praktische Musizieren, die theoretischen Fächer traten in den Hintergrund. Dazu schreibt Georg Götsch [*13] 1934: „Wir […] stellen [die Musik] wieder in den Zusammenhang des festlichen Volgslebens […]. Folgerichtig erziehen wir unsere Schüler weniger durch theoretische und methodische Belehrung, als durch die gemeinsame Bewältigung von wirklichen Aufgaben zur Gestaltung von Festen und Feiern.“ [Q01, S.140]
Ziel war dabei auch, Kinder und Jugendliche zu erreichen, die andere Interessen als militärische Übung hatten und auch sie über ihre Freizeitbeschäftigung an den NS-Staat zu binden. Für manche sensible Kinder wurden die Musikeinheiten dadurch auch zum Zufluchtsort, wo es nicht nur um Stärke und Kraft ging, sondern sie ihre Persönlichkeit besser ausleben konnten. [Q01, S.99]
Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel
Alle Jungen und Mädchen ab 14 Jahren waren verpflichtet, der HJ bzw. dem BDM beizutreten [Q14]. Damit wollte der Staat die Kontrolle über die Bildung aller Jugendlichen sichern. Das betraf auch in der Musik und Musikpädagogik eine Vielzahl von unterschiedlichen Bereichen, die hier aufgrund des Umfangs der Arbeit nur stichwortartig aufgezählt werden können.
Mit dem HJ-Gesetz von 1936 stellte sich die Hitlerjugend auf eine Stufe mit Elternhaus und Schule und definierte ihren Erziehungsanspruch an allen Jugendlichen [*15]. Außerdem übernahm sie unter anderem den berühmten Thomanerchor in Leipzig. [Q01, S.98] Auch die Wiener Sängerknaben wurden vom NS-Staat zu Propagandazwecken eingesetzt. [Q16]
Viele namenhafte Künsler*innen engagierten sich auch ehrenamtlich, da sie in der Jugendarbeit die Zukunft der Musik sahen [Q05, S.248]. Zudem gab die HJ Kompositionen für die eigenen Ensembles in Auftrag [Q05, S.246]. Junge Komponisten schrieben „Feiermusiken“, die in einem einheitlichen „neobarockalen“ Stil gehalten waren und an die „Sing- und Spielmusik“ Hindemiths sowie die zeitgenössische evangelische Kirchenmusik anknüpften [Q01, S.117]. Künstler*innen gaben zudem so genannte „Meisterkonzerte“, zu denen der Eintritt einen symbolischen Wert von 30 bis 50 Pfennig kostete, damit jede*r sich Konzertbesuche leisten konnte, aber Kultur nicht wertlos wurde. Zu den Konzerten und den dazugehörigen Einführungsveranstaltungen kamen unter anderem Jugendgruppen, die nur zu dem Zweck bestanden, ein Stammpublikum für die Künstler*innen zu bieten [Q05, S. 249]. Durch dieses vielfältige musikalische Angebot erreichte man sowohl Profi- als auch Laienmusiker*innen sowie einfache Konzertbesucher*innen.

Schule, Musikschule und Orchester
Ein weiterer Ort musikalischer Bildung war der schulische Unterricht. Hier wurde wenig reformiert. Die neuen Lehrpläane orientierten sich an den alten, große Neuerungen gab es nicht. Einzige Ausnahme: Der Musikunterricht in den Schulen wurde zum „Mittel weltanschaulicher Schulung und Prägung“ im Sinne des nationalsozialistischen Ideals erklärt. Musik ist nun kein Randfach mehr, sondern gehört zu den „weltanschaulichen Fächern“. [Q01, S.103f] Die Musiklehrkräfte profitierten sehr von diesem Wandel: Ihr Ansehen war gesteigert [Q01, S.121] und Musik bekam nun durchgehend zwei Wochenstunden Unterricht.
Hauptinhalt wurde das Singen eines festgelegten Liederkanons, der den Zusammenhalt stärken sollte. Auch wenn dies nicht offiziell in den Lehrplänen geschrieben stand [Q01, S.103f], hielten sich viele Lehrkräfte daran, da es ihnen den Schulalltag erleichterte, nur singen zu müssen (im Gegensatz zur Kestenberg-Reform, die sie aufforderte, ihren Musikunterricht nach einer „Pädagogik vom Kinde aus“ zu gestalten.) Erst in der höheren Schule kam zum Liedersingen auch Musikkunde und -lehre dazu. [Q01, S.108; *17]
Insgesamt zeigte sich, dass sich alle nationalsozialistischen Organisationen gerne kulturfreundlich zeigten. Jede Feier sollte mit live gespielter Musik unterlegt werden, um sie wirkungsvoller zu gestalten. Selbst SA und SS hatten eigene Musikeinheiten und die SS führte große Werke von Bach, Brahms und anderen auf. Zudem hatte die SS eine eigene Musikschule, in der sie begabte und zahlende Schüler ab 14 Jahren unterrichten ließ, die mit ihrer Ideologie übereinstimmten und bereit waren, sich für zwölf Jahre zu verpflichten. [Q05, S.256-258]
Orff, Keetmann und die Günther-Schule
Leider bietet die Arbeit nicht genügend Platz, um die Geschichte der elementaren Musikpädagogik und der Rhythmik während des Nationalsozialismus darzustellen. Deshalb gehe ich hier beispielhaft auf die Geschichte der Günther-Schule ein, dem Ort, an dem sich eine wichtige Keimzelle für die heutige elementare Musikpädagogik befindet.
Die Tätigkeiten von Carl Orff in Sachen musikalischer Bildung begannen schon vor dem Krieg. 1924 gründete er mit Dorothee Günther die Günther-Schule in München und entwickelte dafür ein eigenes Konzept der Musik- und Bewegungserziehung, dass 1930 bis 1934 unter dem Namen „Das Schulwerk. Elementare Musikübung“ erschien [Q07]. Damit wollte Orff einen Beitrag zum Thema „das schaffende Kind in der Musik“ leisten [Q01, S.109], welches zentrales Element der Kestenberg-Reformen war [Vgl. Kapitel „Leo Kestenberg und seine Reformen“].
Orff hatte vor dem Krieg Kontakt zu Leo Kestenberg, der dessen Konzepte für die schulischen Lehrpläne nutzen wollte. Allerdings wurde Leo Kestenberg 1933 seiner Ämter enthoben, da er Jude war. [Q07] Orffs Schulwerk fand kaum positive Resonanz in der Schulmusik: Zu anspruchsvoll und umstritten waren seine Ideen. Wenn überhaupt wurde rhythmische Erziehung nach dem 30 Jahre älteren Jaques-Dalcroze unterrichtet. [Q01, S.109]

Die Günther-Schule wurde 1944 von den Nationalsozialisten geschlossen. Dorothee Günther beschreibt den Umgang der nationalsozialistischen Akteuere mit ihrer Schule sehr eindrücklich:
„Im politisch kritischen Winter 1932-33 war also die Schulwerks-Arbeit in den [Kenner-]kreisen […] schon ein Begriff. […] Trotzdem wurde mir schon im Winter 1932/33 vom „Kampfbund für deutsche Kultur“ in München bedeutet, dass nach der zu erwartenden „Machtübernahme“ meine Schule einen komissarischen Leiter bekommen würde, da die „kommunistischen Tendenten“ innerhalb der Musikerziehung der Günther-Schule nicht tragbar seien. Orffs Name wurde als suspekt genannt. Meine Feststellung, dass weder ich noch meine Lehrkräfte und spziell Carl Orff politisch gebunden […] seien [wurden nicht beachtet]. […] Im Frühjahr 1933 besuchte mich Fritz Jöde (singgemeinschaften) und teilte mir mit, dass ihm zu Ohren gekommen sei, dass meine Schule geschlossen werden solle und speziell Orff gefährdet sei.
[… Deshalb] trat [ich] im Mai 1933 in die Partei ein und sicherte damit der Schule und meinen Mitarbeitern ein ungestörtes Weiterarbeiten, sowei es die allmählich zunehmend einengenden schulischen Bestimmungen noch erlaubten.
Ein großes Schulwerk-Orchester unter Leitung von Gunild Keetman wurde […] für das Olympische Festspiel während der Olymipiade Berlin 1936 engagiert und begleitete die von mir für dieses Festspiel entworfenen und einstudierten Tänze für 3.000 Kinder und 1.500 junge Mädchen, die sogenannten Olympischen Reigen. Der Erfolg war inernational […] durchschlagend […, so dass der] Vorwurf, dass Musik und Tanz der Günther-Schule undeutsch sei, erstmal zurückgenommen und die Tanzgruppe als „förderungswürdig“ erklärt wurde. [Dieses „förderungswürdig“ wurde bald wieder zurückgezogen.
[… Von] da an [überließ] Carl Orff mehr und mehr die Durchführung des schulischen Unterrichts seinen Assistenten [… und], wie schon seit 1928, Gunild Keetman. Er selbst stand der Günther-Schule nur noch beratend und als Mitglied der Prüfungskommission zur Verfügung.
Im Juli 1944 wurde dann das Schulhaus vom „Gauleiter“ der Stadt München für seine Zwecke beschlagnahmt und der Unterricht musste eingestellt werden. […] Da aber im Januar 1945 mein beschlagnahmtes Schulhaus in München, in dem sich noch sämtliche Lehrmittel, Instrumente, Kostüme und das ganze Archiv und so weiter befand, durch Kriegseinwirkung total ausbrannte, konnte ich diesem Dekret [zwangsweise nach Prag umzusiedeln mit der Schule] entgehen, aber nach Kriegsende die Schule aus Mangel an Mitteln nicht wieder eröffnen.“ [Q18]
Nach dem Zweiten Weltkrieg: Wiederaufbau
In der ersten Zeit nach dem Zweiten Welltkrieg war die Schule, wie auch der Rest des Alltags, geprägt von Not und Wiederaufbau: Unterricht fiel aus, Nebenfächer wie Musik wurden stark gekürzt, Räume fehlten oder waren nicht geheizt, Instrumente fehlten. [Q01, S.150]
Das Aufblühen der Musik während des Nationalsozialismus erklärte die zeitgenössische Literatur für Zufall erklärt oder ignoriere es. Man wollte an Kestenberg bzw. den Stand von 1933 anknüpfen [Q01, S.150], doch die Musikpädagogik blieb zunächst einmal auf dem damaligen Stand stehen. Weiterhin sangen die Schüler*innen hauptsächlich Volkslieder. Musikbewegungen wie der Rock’n’Roll in den 1950ern wurden von den meisten Pädagog*innen nicht in den Unterricht mit einbezogen. [Q19]
Fazit und Quellenlage
Die Musikpädagogik im Nationsozialismus ist geprägt von Lehrkräften „alter Schule“, die sich nach den Verunsicherungen durch die Kestenberg-Reformen eine Vereinheitlichung und Vereinfachung wünschten, die ihnen der Nationalsozialismus bot.
In den Laienensembles von HJ und RJF wird Musik hauptsächlich zu Propagandazwecken genutzt. Die professionelle Musikszene entzieht sich, soweit sie nicht emigriert, in großen Teilen dem Einfluss der Partei und arbeitet, zumindest subjektiv, so weiter wie bisher. [Q01, S.99] Ihre Produkte aber, also zum Beispiel Konzerte und Kompositionen, nutzen die Nationalsozialisten zur Repräsentation ihres Staates und ihrer Wertevorstellungen.
Wichtig zu beachten ist: Zeitzeugenberichte der Zeit sind sehr subjektiv gefärbt [Q01, S.90]. So berichten zum Beispiel Menschen, die in den sogenannten „Musikeinheiten“ spielten, von einer schönen Zeit [Q01, S.98], die viel Zusammenhalt gestiftet habe. Aber auch Literatur bildet nicht ab, wie der Unterricht tatsächlich stattgefunden hat, sondern wie er hätte sein sollen. [Q01, S.90]
Mit Sicherheit aber kann man sagen, dass das Musizieren in der Zeit des Nationalsozialismus nicht der künstlerischen Ausbildung von interessierten Laien diente, sondern zu außermusikalischen Zwecken missbraucht wurde. „Wo man singet, da lass dich ruhig nieder“, ist ein schöner Traum der meisten Musiker*innen und Musikpädagog*innen, der aber ein Traum bleiben muss.

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[Q01]: https://www.lieder-archiv.de/wo_man_singt_lass_dich_ruhig_nieder-notenblatt_400014.html, Stand 20.11.2017
[*02]: Den Zweck, zu „manipulieren“ hat auch Musik in der Werbung und pädagogische Musik, die Kinder und Jugendliche beeinflussen soll (z.B. Musizieren, um Disziplin und Zusammenspiel einzuüben). Dies ist nicht immer negativ zu sehen, muss aber genau betrachtet werden. Dies würde allerdings das Thema der Arbeit überschreiten.
[Q03]: https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/weimarer_republik/index.html, Stand 17.12.2017
[Q04]: Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen. In: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986
[Q05]: Prieberg, Fred: Musik im NS-Staat, Frankfurt a.M. 1989
[Q06]: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltagsleben/wandervogelbewegung, Stand 17.12.2017
[Q07]: https://www.dieterwunderlich.de/Carl_Orff.htm, Stand 28.112017
[Q08]: Krieck, Ernst: Musische Erziehung, 1933. Zitiert nach Q01, S.93
[Q09]: Rolle, Georg: Dodaktik und Methodik des Schulgesangsunterrichtes, 1913. Zitiert nach Q01, S.136
[Q10]: Platon: Der Staat. Vgl. Schaub, Stefan: Erlebnis Musik – Eine kleine Musikgeschichte, Kassel, 1993, S.20f
[Q11] Hamm, Heinz: Die heutige Stellung der Musik in der Volksschule, in: Völkische Musikerziehung I [1934/1935], S.99-101. Zitiert nach Q01, S.117
[Q12]: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_bedeutender_Politiker_und_Funktionstr%C3%A4ger_der_NSDAP, Stand 11.12.2025
[*13]: Georg Götsch war Initiator des „Musikheims“ in Frankfurt (Oder) und bis 1941 Direktor desselben. In seinen Zielen, die Musik wieder mit anderen Künsten zu verbinden, entspricht er Orff und Kestenberg. Sein Hauptziel wiederum ist aber entsprechend des Nationalsozialismus, Gemeinschaft zu stärken. (https://de.wikipedia.org/wiki/Musikheim, Stand 11.12.2025)
[Q14]: https://www.verfassungen.de/de33-45/hitlerjugend36.htm, Stand 17.12.2017
[*15]: Ausgenommen sind jüdische und andere Jugendliche, die dem nationalsozialistischen Menschenbild nicht entsprachen [Q14].
[Q16]: https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_W/Wiener_saengerknaben.xml, Stand 06.12.2017
[*17]: Einzige Ausnahme sind die bereits existierenden Musikgymnasien in Bayern, in denen der Unterricht von der Politik kaum beeinflusst und wie gehabt weiter geführt wurde [Vgl. Q01, S.105].
[Q18]: Günther, Dorothee: „Als Gründerin und Leiterin der Günther-Schule-München (1924-1945) gebe ich zur „Geschichte des Orff-Schulwerkes“ Folgendes bekannt“, Rom, ohne Datum, zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Dorothee_G%C3%BCnther, Stand 28.11.2017
[Q19]: https://de.wikipedia.org/wiki/Didaktik_der_Musik, Stand 21.12.2017
[Q20]: https://freunde-der-nationalgalerie.de/blog/erwerbungen/oskar-kokoschka-2/, Stand 15.12.2025
[Q21]: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ns-organisationen/jugend, Stand 26.01.2021
[Q22]: https://museen.nuernberg.de/dokuzentrum/kalender-details/fuehrung-hitler-macht-oper-1526/, Stand 15.12.2025
[Q23]: https://www.deutsches-tanzarchiv.de/archiv/nachlaesse-sammlungen/dorothee-guenther, Stand 15.12.2025








