Als nächstes wollen wir uns einem etwas schwierigeren Thema zuwenden: Den Vorzeichen. Die Töne, die man kannte, benannte man nach dem Alphabet: A B C D E F G. Das B hat dabei geschichtlich bedingt eine besondere Wandlung durchgemacht, deshalb heißt der Ton heute im deutschen H und zum Beispiel im englischen immer noch B.1 Um das Jahr 800 kannte man also im heutigen Deutschland die Töne C D E F G A H C, wobei das H immer noch eine Sonderrolle hatte und gemeinsam mit B eine Doppelstufe bildete2, aber das lassen wir jetzt einmal außer Acht. Die Töne mit Vorzeichen, also zum Beispiel GIS waren noch nicht bekannt.

Im Dialog zu lesen (Mönch und Erzähler):

E: In einem Kloster, 850 nach Christus:

M: Bis jetzt haben wie in den Klöstern immer nur einstimmig gesungen. Doch jetzt gibt es die „Musica enchiriadis“, eine neue Lehrschrift3. In ihr wird gezeigt, dass man auch mehrstimmig singen kann. Man begleitet einfach mit einer zweiten Stimme in einem wohlklingenden Intervall, zum Beispiel der Quinte. Vorzeichen2Hier seht ihr eine einfache Melodie, wie wir sie singen. Als Begleitstimme steht darunter eine Quinte.

(Wenn ihr die Möglichkeit habt, es zu singen oder zweistimmig auf einem Instrument zu spielen, probiert es aus. Und achtet genau auf die Klänge über den Silben „voll sind Himmel und Erde“)

M: Halt! Was war das? Das klingt nicht wohlig! Was ist da los?

E: Genau auf diesen Silben finden sich Tritoni. Und unser Mönch hat recht: Ein Tritonus klingt nicht sehr angenehm.

Vorzeichen4E: Aber wie entsteht er? Sehen wir uns das doch mal auf der Klaviatur an. Eine Quinte ergibt sich, wenn man von einem Ton vier weiße Tasten weitergeht, zum Beispiel von C zu G. Das sind normalerweise sieben Halbtonschritte. Das geht auch von allen weißen Tasten aus ganz gut, nur von H aus ist es anders. Gehen wir von H aus vier weiße Tasten weiter, kommen wir zu F. Zählen wir aber die Halbtonschritte, so sind es nur sechs. Das ist eine verminderte Quinte, bzw. ein Tritonus, weil er aus drei (tri) ganzen Tonschritten (tonus) besteht.

M: Und wie schaffen wir es nun, diesem Missklang zu entgehen? Er ist kleiner als eine Quinte, also müssen wir den Abstand zwischen Haupt- und Begleitstimme vergrößern, um wieder eine wohlklingende Quinte zu erreichen. Vorzeichen3Ich nehme einfach den unteren Ton und setze ihn einen Halbton tiefer, dann habe ich wieder sieben Halbtöne Abstand und damit eine wohlklingende Quinte. (Setze ein b vor alle H.)

E: Man kann aber natürlich auch den oberen Ton höher setzen. Und damit sind das erste B und das erste Kreuz erfunden. Erst später entwickelte sich die Reihenfolge der anderen Kreuze und B. Aber immer aus dem gleichen Grund: Man muss einen Tritonus vermeiden. Wenn man nun nämlich in einer Tonart mit einem Kreuz spielt (also mit FIS), entsteht der nächste Tritonus zwischen FIS und C. Und um den zu vermeiden erhöht man dann auch das C. Wenn man das CIS eingeführt hat entsteht wieder ein neuer Tritonus, der aufgehoben wird und immer so weiter. Dadurch ergibt sich die Reihenfolge der Vorzeichen.

Oberkapitel: Von den Neumen zu moderner Notation, weiterlesen: Takt

________________________

1Holst, Imogen, Das ABC der Musik, 2009, S.15

2Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.89

3Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.166