Für mich ist Musikalität die Fähigkeit, Musik wahrzunehmen und zu machen. Demnach ist auch jemand musikalisch, der zu einem einfachen Lied den Puls mitklopfen kann. Anhand von Beispielen, wer alles „nicht musikalisch“ ist – alle aus meiner noch sehr kurzen musikpädagogischen Erfahrung – möchte ich zeigen, wie vielfältig Musikalität ist.

Wir machen im Studium z.B. sehr freie Improvisationen. Es gibt kaum Verabredungen oder Regeln vorab. Jeder macht, was er will und wir lassen uns von dem Klang berauschen. Dabei muss man wahrnehmen, wie laut man im Verhältnis zu den anderen ist, was die anderen überhaupt machen, wie man da reinpasst etc. Das kann jeder und es ist schon musikalisch. Ich habe einmal eine solche Impro mit Kindern gemacht und ein Junge hat sich mit Absicht rausgespielt, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er hat nicht darauf gehört, ob er zu laut ist oder was ganz anderes macht als die anderen (Statt Klängen und Geräuschen hat er einen einfach dämlichen Satz immer wieder gesagt, damit die anderen Kinder über ihn lachen). Er hat sich also hier nicht musikalisch verhalten. Aber aus ganz anderen Gründen, er wollte einfach Aufmerksamkeit. Trotzdem ist er musikalisch und singt auch sehr schön – wenn er denn will.

In einer Seniorengruppe, in der die Senioren singen (auch mehrstimmig und zwar ziemlich schön) und mit Percussion arbeiten, hat mir eine ältere Dame mal voller Überzeugung erzählt, sie habe früher mal Klavier gespielt, aber sie sei nicht musikalisch genug. Aber singen und Percussion spielen konnte sie ohne Probleme und es machte ihr sichtlich Spaß. Wieder ein musikalischer Mensch, der denkt, er sei nicht musikalisch.

Ich habe mal mit einer Klavierschülerin eine Probestunde gemacht, die bereits Unterricht hatte, aber bei ihrer alten Lehrerin sehr mechanisch gespielt hat (so zumindest mein Klangeindruck). Ich habe ihr den Auftrag gegeben, ein paar Takte noch einmal zu spielen und auf sich selbst zu hören und darauf zu achten, welche Atmosphäre sie schaffen will und es gab sofort einen viel schöneren Klang und eine viel schönere Phrasengestaltung. Aber diese Art der Musikalität wurde bisher noch nicht aus ihr rausgekitzelt.

Ich kann gerade gar nicht sagen, wer es war, aber in einem Radiobeitrag habe ich einmal gehört, dass eine heute berühmte Sängerin bei der Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule durchgefallen ist, weil ihre damalige Prüferin sie für unmusikalisch hielt. Ich glaube, die Prüferin hat da sogar selbst gesprochen und gesagt, dass das ihre größte Fehlentscheidung in einer Aufnahmeprüfung war, aber dass Musikalität eben nicht so leicht zu erkennen ist.

Was machen wir also mit all diesen „unmusikalischen“ Menschen? Warum machen die Musik? Einige, wie zum Beispiel die Seniorin, werden wohl niemals virtuose Musiker. Ist es deshalb Verschwendung der Arbeit einer Lehrkraft, wenn sie mit diesen Menschen Musik macht? Oder geht es in diesen Fällen ja gar nicht so richtig um die Musik, sondern eher um soziale Aspekte? Ist diese Art von Musikunterricht nur dazu da, damit schwierige Kinder lernen, in einer Gruppe auf andere zu achten und Disziplin beim Üben einzuhalten, Senioren ihr Gedächtnis trainieren können und sich ein bisschen bewegen?

Nein, denn das wäre keine wirkliche Musik. Im Moment des Musizierens kann es nur um das Musizieren selbst gehen und nicht um irgendwelche Nebenaspekte. Und dieses Musizieren muss nicht virtuos sein, um seinen Wert zu erhalten. Es muss vor allem ernst gemeint sein (zur Ernsthaftigkeit vgl. auch Spiel und Arbeit).

Es gibt ein tolles Buch von Ruth Schneidewind, einer Musikpädagogin („Die Wirklichkeit des Elementaren Musizierens“), in dem sie beschreibt, was elementare Musikpädagogik ist. [Kurzdefinition von mir: Musik mit Menschen aller Altersgruppen und Fähigkeiten, die Verschiedenes verbindet, z.B. Instrumente, Körperklänge, Bewegung/Tanz, Sprache/Gesang, andere Kunstformen] Ein wichtiger Punkt Schneidewinds: In die Musikstunde der EMP kommen Menschen mit allen ihren Fähigkeiten, die sie haben. Damit machen sie Musik und haben daran Spaß.

Wer also in eine solche Musikstunde kommt und ein gutes Rhythmusgefühl hat, bringt das ein ins gemeinsame Musizieren, der Sänger bringt seine Stimme ein und vielleicht sein schlechtes Rhythmusgefühl, der Pianist bringt seine guten Harmonielehrekenntnisse ein und kann so schnell eine Zweitstimme erfinden. Gibt es keinen Pianisten, kommt in der Musikstunde halt andere Musik raus. Aber keine schlechtere. Ist jemand „Unmusikalisches“ dabei, bringt der vielleicht total abstrakte Ideen rein, welche Klänge man einem Instrument entlocken kann, dass er vorher noch nie gesehen hat. Ist ein Tänzer dabei, bringt er Bewegung mit rein und ein gutes Gefühl für Positionen im Raum. Und so weiter und so fort…

Oberkapitel: Was ist Musikalität?, weiterlesen: Der richtige Rhythmus