Vielleicht ist diese Magie sogar das Essentielle der Musik. Es geht doch im normalen Musikschulbetrieb überhaupt nicht darum, jeden Musikschüler zu einem Profimusiker auszubilden. Das wäre auch gar nicht sinnvoll, weil es gar nicht so viele Stellen gibt und viele natürlich tatsächlich in anderen Berufen besser aufgehoben sind. Es geht auch höchstens hintergründig darum, Kultur oder richtiges Sozialverhalten zu vermitteln, auch wenn viele Eltern das so sehen. Ganz nach dem Motto: „Wir haben einen hohen Lebensstandard, da gehört doch Musik- und Reitunterricht dazu, und nebenbei lernt mein Kind ja auch noch Disziplin beim Üben und im Orchester, sich in eine Gruppe einzuordnen und mit anderen zusammenzuarbeiten.“
Das ist aber ein Problem der Elternarbeit (die auch zum Musiklehrerdasein gehört) und darf nicht auf die Kinder abgewälzt werden.

Es geht um die Magie hinter der Musik. Es ist egal, wie „gut“, virtuos oder professionell die Musik ist, sondern wichtig ist, dass sie ernst gemeint ist [zur Ernsthaftigkeit siehe auch: Spiel und Arbeit]. Deshalb muss jeder wissen, ob er Spaß an dem hat, was er da macht. Nur dann kann sich die Magie entfalten. Nur dann wird Musik musikalisch.

Es gibt Kinder, bei denen hat man den Eindruck, sie wollen gar keinen Musikunterricht, sondern die Eltern sind die treibende Kraft. Aber wenn man es schafft, diesen Druck durch die Eltern zu nehmen und dem Kind sagt: Hey, du musst jetzt nicht mehr jeden Tag üben, sondern du übst, wann du willst; Dann legt es vielleicht plötzlich los, weil es freiwillig ja viel mehr Spaß macht. Kinder kann man nicht so simpel in Kategorien stecken: Übt viel, übt wenig, ist motiviert, ist nicht motiviert, wird von den Eltern gezwungen, ist freiwillig da… Jede Altersstufe hat seine ganz eigenen Tücken (was ein Pubertierender sagt ist noch lange nicht das, was er meint) und jedes Kind kommt aus einem individuellen Umfeld und hat einen individuellen Charakter. Wenn man aber ein Kind so weit hat, dass es freiwillig kommt, dass es Spaß an der Sache hat, in der Musik aufgeht, dann zeigt sich die wahre Musikalität des Kindes und die Magie der Musik.

Es gab (und gibt wahrscheinlich immer noch) im Rahmen von JeKI (Jedem Kind ein Istrument) auch sehr viel begleitende Forschungsarbeit. Da gibt es zB einen Artikel1 zur kulturellen Teilhabe. Dort wird unterschieden (und das fand ich sehr schön) zwischen Menschen, die Musikunterricht haben und sehr glücklich damit sind, welchen die Musikunterricht haben und das eigentlich nicht wollen, Menschen, die keinen Zugang zu Musikunterricht haben und damit glücklich sind, (weil sie zB Sport viel lieber machen) und Menschen, die keinen Zugang zu Musikunterricht haben, aber gerne welchen hätten und unglücklich sind.
Musikalität oder Eignung taucht da gar nicht auf. Vielmehr geht es darum, Möglichkeiten zu eröffnen, die möglichst alle nutzen können, die das wollen. Es geht um das Glück der Menschen und nicht um deren Fähigkeiten.

Wenn man den Fehler beim unmusikalischen Kind sucht, entstehen Erwachsene, die sagen: „Hach, ich hab ja früher auch mal… Aber ich bin ja so unmusikalisch“ – Meistens können Lehrer sich verbessern und damit dem Kind ganz neue Möglichkeiten des Lernens eröffnen. Eltern können sich verbessern und ihr Kind unterstützen, indem sie dahinter stehen und sagen: Toll, mein Kind macht schöne Musik. (Statt: Naja, wenn das Geschrammel auf der Geige hilft, damit es Disziplin lernt, dann bitteschön).

Oberkapitel: Was ist Musikalität?, weiterlesen: Zusammenfassung

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1Krupp-Schleußner, V./Lehmann-Wermser, A.: Kulturelle Teilhabe aus einer Befähigungsperspektive