Einen anderen, aber ähnlichen Ansatz zum Thema Rhythmus findet ihr hier.

Und für alle, die jetzt bei „Der ist ja so musikalisch“ immer noch die Profis auf der Bühne vor Augen haben ein kleiner Exkurs zum Thema Rhythmus:

Ein Großteil der Musik lebt von Rhythmus. Und Rhythmus hat für mich zwei Komponenten: Das mathematische (Achtel, Viertel, Notation, etc.) und das freie, lebendige (den Beat spüren, von der Musik in Bewegung gebracht werden) [Sorry an alle Mathematiker, dass ich Mathe von lebendig trenne…].

Was ist Taktverständnis? Das exakte ausüben können einer Rhythmusübung? Ist jemand musikalisch, der den Notentext genau wiedergeben kann mit seinem Instrument? Dafür braucht es viel Übung, das kann nicht jeder.

Ich studiere Musik und ich muss offen zugeben, alles, was mit Rhythmus zu tun hat, war nie so ganz meins. Ich war da nicht gut drin und hatte immer das Gefühl, ich müsste das irgendwie Üben. Takte auszählen, schwierige Rhythmen nachklopfen, nach Gehör aufschreiben… Erst später hat sich mir erschlossen, wie viel Spaß Rhythmus macht, wenn man sich da einfach reinlegt. Wenn man nicht sich an eine mathematische Genauigkeit und den Notentext klammert. Wenn man den Puls und den Rhythmus mit dem ganzen Körper spürt und nicht wegen jeder kleinen rhythmischen Unsauberkeit gleich von Fehler spricht, sondern vielmehr kreativ damit umgeht.

Was gibt es denn alles für Rhythmen? Viel mehr als wir mit Noten ausdrücken können. Da steckt ein Gefühl hinter, was manche Menschen vielleicht noch erfahren müssen. Vielleicht kann sich jemand plötzlich für den Klang einer bestimmten Rassel oder Trommel begeistern oder für einen bestimmten Musikstil, ein bestimmtes Stück und kommt einfach rein in den Takt. Womit er doch vorher immer so Probleme hatte, als er es noch mathematisch angehen wollte. Nicht nur verkopftes Denken, sondern auch motorische Probleme können zu einer schlechten Rhythmuswiedergabe führen. Vielleicht klingt die Saite einer Gitarre, das Fell einer Trommel nicht dann, wann der Spieler denkt, dass der Finger gegen sie trifft. Vielleicht ist das Problem, dass er die Noten nicht schnell genug erfassen kann und sich dadurch aus dem Zählen bringen lässt. Vielleicht hat er sehr viel Solo gespielt und nie erfahren, wie einen ein begleitender Partner, eine Band in den richtigen Rhythmus „zwingt“ und wie schön das sein kann. Vielleicht bringt ihn die neue Ebene des auszählens, also Sprache raus und es fiele ihm einfacher, nur mit einem Klang (quasi Metronom) zu üben. Vielleicht hilft Körperlichkeit: Laufen, klatschen, Tanzen, Bodypercussion. Es gibt so viele Wege zum „richtigen“ Rhythmus, also zu musikalischem Können. Die Wege, ein „Rhythmusspezialist“ zu werden, sind so viele, wie es Menschen gibt. Aber diese Wege braucht man nur, wenn man überhaupt eine Vorstellung hat, wo es hingehen soll. Wenn man ein bestimmtes Stück oder einen bestimmten Stil spielen will. Wenn man einfach nur Musik machen will, gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Und sowohl freie Rhythmen, als auch alle Wege, zu einem vorgeschriebenen Rhythmus zu kommen, sind musikalisch.

Warum muss man Rhythmus theoretisch-mathematisch angehen? Weil es schon immer so war? Sollte ein Mensch, der Spaß an Musik hat, aber „falsche“ Rhythmen oder Töne spielt, die Musik aufgeben, weil er unmusikalisch ist? Hinter Musik steckt doch viel mehr als das Umsetzen von Noten in Klang. Der ganze Körper steckt dahinter, tausende von Muskeln, Fähigkeiten, Denkaktivitäten, Inspirationen – und vielleicht auch ein bisschen Magie?

Oberkapitel: Was ist Musikalität?, weiterlesen: Magie und Glück statt Musikalität