Kinder wollen von Natur aus lernen.1 Von dieser Voraussetzung sollte man ausgehen, wenn man Unterricht für Kinder gestaltet oder als Elternteil das Üben begleiten will. Allerdings erschwert man ihnen das Lernen, wenn man sie zwingen will, wie Erwachsene zu lernen.

Das Üben eines Instrumentes hingegen ist nichts, was im Kind veranlagt wäre. Der Übeprozess braucht viel Kraft und muss erst mühsam erlernt werden.2 Dazu ist eine konsequente Unterstützung von Lehrern und Eltern nötig. Dazu gehört auch die regelmäßige Erinnerung ans Üben. Wenn ein Kind nicht immer ans Üben denkt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass das Kind zu wenig Interesse hat, sondern, dass das ans Üben denken im wuseligen eine sehr schwere Aufgabe ist.

Im Instrumentalunterricht wird in der Regel der Fortschritt nur im Vergleich mit dem Schüler selbst gemessen.3 In der Schule hingegen geben Noten die Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen. Für einige Schüler ist das motivierend, so dass in diesen Fällen Wettbewerbe (auch zum Beispiel im Gruppenunterricht klein(st)e Wettbewerbe bei bestimmten Hausaufgaben) einen Ansporn darstellen und Spaß machen. Das muss aber nicht immer so sein!

Wichtig zu wissen ist auch, dass Üben einen Bedürfnisaufschub darstellt: Das Bedürfnis nach Erfolg und einem Glücksgefühl wird nicht sofort erfüllt.4 Für Kinder ist ein Bedürfnisaufschub schwerer auszuhalten, als für Erwachsene.5 Das zeigt sich zum Beispiel beim sogenannten „Hungersturm“ bei Babys. Wenn das Hungergefühl auftaucht, braucht das Baby sofort was zu essen und schreit. Ein Erwachsener kann gut und gerne ein paar Stunden Hunger aushalten ohne Probleme. Um dem Bedürfnis nach Erfolgserlebnissen gerecht zu werden, sollten kleine, schnell erfüllbare Aufgaben gestellt werden und entsprechend gelobt werden. Allerdings sollte nur gelobt werden, wenn wirklich ein Fortschritt gemacht wurde. Geheucheltes Loben wird von Kindern erkannt und führt zu Verwirrungen.

Ein weiterer Grund, kleine und erfüllbare Aufgaben zu stellen ist, dass Üben eine hohe Frustrationstoleranz benötigt, die bei kleinen Kindern noch sehr gering ist. Jedes „nicht schaffen“ kann in Weinen oder Schreien enden, weil es Kindern schwer fällt, dieses Gefühl auszuhalten. Auch wenn Kinder selbst eine starke Kritik an ihrem Instrumentalspiel üben, bedeutet dies Frustration. Eltern und Lehrer sollten deshalb angemessen kritisieren und dies dadurch mit dem Kind üben.

Zuletzt möchte ich auf die Konzentration eingehen. Oft ist zu beobachten, dass Kinder sich nicht lange auf ein Thema konzentrieren können. Ihre Konzentrationsspanne ist kurz. Eine schnell wechselnde Abfolge von Übungen, am besten auch mit Wechsel des Ortes oder des Übens mit und ohne Instrument kommt dem entgegen. Etwa alle zehn Minuten sollte spätestens ein Wechsel erfolgen. Andererseits kennt aber auch jeder den Effekt, wenn ein Kind völlig ins Spiel versunken ist. Dann können sie teilweise stundenlang sich auf eine Sache konzentrieren. Dies entspricht den Beobachtungen, die vor allem Maria Montessori publik gemacht hat. Hier haben sich die Kinder ihre Aufgabe selbst gewählt, sie wurde nicht von einem Erwachsenen vorgegeben. Dementsprechend sind sie aus sich selbst heraus motiviert (intrinsische Motivation) und die Konzentration zu halten, fällt ihnen nicht schwer.6

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1Ernst, Anselm: Didaktik des Übens, in: Mahlert, Ulrich (Hrsg.): Handbuch Üben, Wiesbaden, 2007, S.98ff

2Www.musikschule-seesen.de/ueben.html [22.10.17]

3Ernst, Anselm: Didaktik des Übens, in: Mahlert, Ulrich (Hrsg.): Handbuch Üben, Wiesbaden, 2007, S.98ff

4Dartsch. Michael: Üben im Vorschul- und Grundschulalter, in: Mahlert, Ulrich (Hrsg.): Handbuch Üben, Wiesbaden, 2007, S.205ff

5Ebd.

6Ebd.