Ich halte für die EMP den Spannungsraum zwischen Regel und Spielraum für sehr bedeutend, den auch Gerhard Mantel benennt. Mantel sagt, ein Musiker, der nur nach Regeln, also nach dem Notentext spiele, klinge nicht anders als ein gutes Notensatzprogramm, ein Musizieren ohne Regeln ende hingegen im Chaos. Zwischen Spielregeln und Spielraum allerdings könne Musik entstehen.

Während Mantel als Cellist im wesentlichen den Notentext als Spielregel betrachtet, hat der Improvisationskünstler Matthias Schwabe1 Spielregeln für Improvisationen veröffentlicht. Dabei gibt es eben wesentlich weniger Regel und mehr Spielraum und das Improvisieren erinnert noch eher an Spiel.

Um also in der EMP ein Spiel zu initiieren, ist es meiner Meinung nach wichtig und auch besonders schwer, die Spannung zwischen Regel und Spielraum gruppengerecht aufzubauen.

Wie schon gesagt, gibt es ganz ohne Regeln Chaos, nur mit Regeln entsteht allerdings auch keine Musik. Wie viele Regeln es aber braucht, das ist auch von Altersgruppe zu Altersgruppe unterschiedlich und auch von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich.

Laut Elisabeth Danuser-Zogg können Musikspiele für kleinere Kinder mit wenig Regeln auskommen, da die Kinder Raum für Kreativität brauchen, Gerhard Mantel hingegen ist der Meinung, Kinder verlören bei zu schwachen Regeln das Interesse am Spiel.

Interessant zu betrachten sind allerdings auch Kinderspiele, die ohne von Erwachsenen initiierten Regeln funktionieren. Da ich dazu allerdings außer dem Vorwort in besagter Üben und Musizieren von Ulrich Mahlert, keine Literatur hatte, kann ich nur aus eigenen Beobachtungen und Vermutungen sprechen. In Rollen- und Fiktionsspielen, wie zum Beispiel dem Kaufmannsladen, können Kinder aufgehen und sich selbst vergessen und sie spielen diese Spiele selbstständig (teilweise ja sogar alleine). Die Regeln des Kaufmannsladens (z.B. ich darf mir die Sachen nicht einfach wegnehmen, sondern muss sie bezahlen) werden oft auch ohne die Überwachung eines Erwachsenen eingehalten. In Fantasiewelten, wie zum Beispiel bei einem Kampf Ritter gegen Drache fällt das schon schwerer. Sobald eine der Spielparteien versucht, die Regeln zu übergehen (z.B. durch das Erfinden von Superkräften2) funktioniert das Spiel nicht mehr. Deshalb werden auch dort meist Regeln genutzt, so dass es z.B. nur die Möglichkeiten gibt, die entsprechende Helden auch in Büchern haben. Das bedeutet, das Regeln, die einmal bekannt sind, von Kindern auch selbstständig eingehalten werden, um das Spiel interessanter zu machen. Dabei stammt diese Regel aus der realen Welt und wird freiwillig in die Spielwelt übernommen, obwohl man mit einem Kaufmannsladen ja auch andere Spiele, wie zum Beispiel Holzobstweitwurf spielen könnte.

Bei der Arbeit mit Erwachsenen, die von vorneherein schon wesentlich mehr Regeln kennen (Benehmensregeln, Sprechregeln, etc.) und sich oft an diese Regeln klammern, wenn sie in unsichere Situationen geraten (z.B. in eine Musiziergruppe) muss dann evtl ein Schwerpunkt auf die Spielräume gelegt werden, damit eine Improvisation mehr Möglichkeiten erfährt. Wobei es auch da leichter sein kann mit stärkeren Regeln zu beginnen, um Ängste und Unsicherheiten zu beruhigen.

Je nachdem, aus welcher Altersgruppe eine Musikgruppe also besteht und wie groß die bereits vorhandenen Verhaltensregeln sind und wie groß das Verlangen nach gesetzten Regeln ist, muss also die Gruppenleitung versuchen, Regeln zu setzen, die zu einem zufriedenstellenden Musiziererlebnis führen, welches die Teilnehmenden subjektiv als erfolgreich betrachten.

Oberkapitel: Spiel, weiterlesen: Spiel und Arbeit

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1http://www.matthiasschwabe.com/ (Stand: 15.01.17), Schüler von Lilli Friedemann

2Ein typischer Fall ist auch das Erfinden von immer neuen Figuren mit immer mehr Gewinnchancen bei „Schere, Stein, Papier“

Bildquelle: eigene

Die Literaturangaben findet ihr hier.