Nach dem Ersten Weltkrieg hatte das deutsche Volk viele Tote zu beklagen. Noch dazu herrschte Not und Chaos und Deutschland musste die Alleinschuld für den Krieg eingestehen. Das gab Extremisten von links und rechts Auftrieb.1 Teilweise wurde explizit ein „Führer“ gewünscht, schon bevor Hitler überhaupt bekannt war.2

Musiker empfanden sich als eine Elite, die jede Kritik von außen ignorierte3. Doch sie blieb von den äußeren Umständen nicht unberührt. Auch hier herrschte ein gestärktes Gemeinschaftsdenken, wie folgendes Zitat von E. Preußner aus dem Jahre 1926 eindrücklich zeigt: „Musik des Einzelnen gibt es in Wahrheit überhaupt nicht, Musik klingt nur durch die Gemeinschaft.“4 Bewegungen wie die „Wandervögel“ prägten die musikalische Arbeit mit Jugendlichen. Sie wendeten sich gegen das Bürgerliche, was sich ihrer Meinung nach in Opernhäusern und Konzertsälen fand, sowie gegen die „Herrschaft von Pädagogen“5, und wollten ihren selbst entwickelten Lebensstil leben dürfen.6

Die akademische Ausbildung von Musikern wurde zwar stark gefördert, allerdings nicht die musikpädagogische, so dass sich kaum welche der jungen Musiker für eine Lehrerlaufbahn entschieden7. Der Musikunterricht an Schulen blieb in vielen Fällen auf das Singen von Liedern beschränkt8, da auch viele der unterrichtenden Lehrer nur unzureichend in Musik ausgebildet waren.9

Dagegen steuerte eine unter den damaligen Musikpädagogen kritisch diskutierte Reform: Die Kestenberg-Reform sah eine „Pädagogik vom Kinde aus“ vor, in der künstlerisches Schaffen, Kreativität und vor allem Improvisation großen Wert hatte10. Sie ist benannt nach dem damaligen Musikreferenten des preußischen Kulturministeriums, Leo Kestenberg11.

Da diese neue Art der Pädagogik gerade für Lehrer, die Musik fachfremd unterrichteten, sehr kompliziert und arbeitsaufwändig war, hofften viele auf eine Vereinfachung und klare Regeln, wie sie ihren Unterricht zu gestalten hatten12.

Oberkapitel: Musikpädagogik im Nationalsozialismus, weiterlesen: politische Funktion von Musikerziehung

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1https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/weimarer_republik/index.html [17.12.2017]

2Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.145

3Ebd., S.139

4Zitiert nach: ebd.

5Prieberg, Fred: Musik im NS-Staat, Frankfurt a.M., 1989, S.243

6https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltagsleben/wandervogelbewegung.html [17.12.2017]

7Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.141

8Ebd.

9Ebd., S.117

10Ebd., S.108

12Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.122