Der nationalsozialistische Staat wies allen Bereichen und Institutionen eine politische Funktion zu, so auch der Erziehung.1 So heißt es zum Beispiel: „Die deutsche Jugend […] soll bewußt geformt werden nach Grundsätzen, […] die sich als richtig erwiesen haben: nach den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung.“2 Dies hatte zum Beispiel die Hitler-Jugend zu ihrem Anspruch gemacht. Sie wollte alle Jugendlichen körperlich, geistig und sittlich in ihrem Sinne erziehen und bezog dafür bewusst auch die Kultur mit ein.3

Die „musische Erziehung“ spielte neben Sport- und Wehrerziehung eine wichtige Rolle4 und war entsprechend angesehen. Ernst Krieck schrieb 1933 über sie: „Wehrhaftigkeit vollendet sich erst im Seelischen, in Haltung und Ethos, in Ehre, Hingebung und Gefolgschaftstreue. Dahin führt aber zusammen mit der leiblichen Übung erst die musische Erziehung durch die Formgewalt der rhythmischen Künste.“5 So ist also zu beachten, dass die Musik nicht der Kunst wegen gefördert wurde, sondern immer als nützlich für die Wehrhaftigkeit des Volkes betrachtet wurde. Georg Rolle beschreibt zum Beispiel in seiner „Didaktik und Methodik des Schulgesangsunterrichts“ bereits 1913, wie das Singen die Atmung fördere und damit eine „Lungengymnastik erzielt wird, die nicht einmal durch das Turnen erreicht werden kann“.6

Der Gedanke einer erzieherischen Kraft der Musik war nicht neu: Schon im alten Griechenland ging man davon aus, dass bestimmte Modi auf die Erziehung von Menschen Einfluss nehmen können.7 Im Nationalsozialismus führte dies zu Diskussionen unter Musikern und Musikwissenschaftlern um den ethischen Wert von Dur und Moll. Prieberg schreibt dazu später: „Wenn sich auch nicht zweifelsfrei klären ließ, ob Dur nordischer töne als Moll oder ob nicht gerade Moll dem germanischen Gusto Genüge leistete, tat dies der Literatur zum Singen und Musizieren keinen Abbruch.“8

Aufgaben und Ziele musikalischer Bildung waren in Lehrplänen und an anderen Stellen nicht sehr genau definiert. Es lag nicht im Sinne des nationalsozialistischen Staates, sich genauestens mit den Anforderungen von Musikunterricht auseinanderzusetzen und Vorgaben zu machen, die etwa die Kenntnis von Werken, Notation oder das eigenständige Musizieren betrafen. Vielmehr ließ man in diesem Bereich den Pädagogen relativ freie Hand. Als Ziele der Musikpädagogik wurden dagegen Formuliereungen wie „Dienst am Volk“, „völkisch-deutsche Gemeinschaft“, die Schüler sollten „sich ihrer Heimat […] verbunden fühlen“ und „das deutsche Lied schön, bewusst und freudig singen“9 gewählt.

Diese Ziele wurden vor allem dadurch erreicht, dass das gemeinsame Musizieren ein Mittel zur Gemeinschaftsbildung wurde10. Dabei spielte die musikalische Gestaltung von Festen durch Laien- und Profiensembles eine große Rolle. Das führte unter anderem dazu, dass gemeinschaftliche Auftritte in Kombination mit nationalsozialistischer Propaganda erlebt wurden und somit mit positiven (Erfolgs-)Gefühlen verknüpft wurden. Die Musik als solche spielte keine Rolle mehr: „Der Begriff Chor […] bedeutete musikalische Gemeinsamkeit der Stimmen und Klänge. Wesentlich ist heute das menschliche Miteinander; die Mehrstimmigkeit spielt dabei keine Rolle mehr.“11

Die Manipulation durch das gemeinsame Musizieren war so stark, dass der Zeichner Tomi Ungerer noch 1981 über diese Zeit sagte: „Und ich weiß – das mach‘ ich jetzt nicht mehr, aber noch vor einigen Jahren -: Wurd‘ ich so ein bisschen niedergeschlagen, keine Depression, aber doch so ein bisschen nach unten, dann hab‘ ich immer automatisch Nazilieder gesungen, dann ist das sofort wieder alles stramm, geradeaus… Das ist mir eine gute Medizin gewesen. Weil diese Lieder in mich eingespritzt worden sind wie eine Droge.“12 – Das Interview durfte aufgrund seiner Aussagen über den Nationalsozialismus nicht veröffentlicht werden.13

Oberkapitel: Musikpädagogik im Nationalsozialismus, weiterlesen: Liedgut der Kinder und Jugendlichen

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1Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.122

2Zitiert nach: Ebd.

3Ebd., S.95

4Ebd., S.93

5Krieck, Ernst: Musische Erziehung, 1933; zitiert nach: Ebd., S.93

6Rolle, Georg: Didaktik und Methodik des Schulgesangsunterrichts, 1913, zitiert nach: Ebd., S.136

7Platon: „Der Staat“, vgl. Schaub, Stefan: Erlebnis Musik – Eine kleine Musikgeschichte, Kassel, 1993, S.20f

8Prieberg, Fred: Musik im NS-Staat, Frankfurt a.M., 1989, S.253

9Zitiert nach: Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.105

10Vgl. Ebd., S.94

11Hamm, Heinz: Die heutige Stellung der Musik in der Volksschule, in: Völkische Musikerziehung I (1934/1935), S.99-101, zitiert nach: Ebd., S.117

12Zitiert nach: Prieberg, Fred: Musik im NS-Staat, Frankfurt a.M., 1989, S.242

13Ebd.