Da diese Arbeit nicht genügend Platz bietet, um die Geschichte der EMP und Rhythmik während des Nationalsozialismus darzustellen, werde ich hier beispielhaft auf die Geschichte der Günther-Schule eingehen, dem Ort, an dem sich eine wichtige Keimzelle für die heutige EMP befindet. Die Tätigkeiten von Carl Orff in Sachen musikalischer Bildung begannen schon vor dem Krieg. 1924 gründete er mit Dorothee Günther die Günther-Schule in München und entwickelte dafür ein eigenes Konzept der Musik- und Bewegungserziehung, dass 1930 bis 1934 unter dem Namen „Das Schulwerk. Elementare Musikübung“ erschien.1 Damit wollte er einen Beitrag zum Thema „das schaffende Kind in der Musik“ leisten2, welches Zentrum der Kestenberg-Reformen war.3 Orff hatte vor dem Krieg Kontakt zu Leo Kestenberg, der dessen Konzepte für die schulischen Lehrpläne nutzen wollte. Allerdings wurde Leo Kestenberg 1933 seiner Ämter enthoben, da er Jude war.4 Orffs Schulwerk fand kaum positive Resonanz in der Schulmusik: Zu anspruchsvoll und umstritten waren seine Ideen. Wenn überhaupt, wurde rhythmische Erziehung nach dem 30 Jahre älteren Jaques-Dalcroze unterrichtet.5

Die Günther-Schule wurde 1944 von den Nationalsozialisten geschlossen. Dorothee Günther beschreibt den Umgang der Nationalsozialisten mit ihrer Schule sehr eindrücklich: „Im politisch kritischen Winter 1932-33 war also die Schulwerks-Arbeit in den [Kenner-]kreisen […] schon ein Begriff. […] Trotzdem wurde mir schon im Winter 1932/33 vom „Kampfbund für deutsche Kultur“ in München bedeutet, dass nach der zu erwartenden „Machtübernahme“ meine Schule einen kommissarischen Leiter bekommen würde, da die „kommunistischen Tendenzen“ innerhalb der Musikerziehung der Günther-Schule nicht tragbar seien. Orffs Name wurde als suspekt genannt. Meine Feststellung, dass weder ich noch meine Lehrkräfte und speziell Carl Orff politisch gebunden […] seien [wurden nicht beachtet]. […] Im Frühjahr 1933 besuchte mich Fritz Jöde (Singgemeinschaften) und teilte mir mit, dass ihm zu Ohren gekommen sei, dass meine Schule geschlossen werden solle und speziell Orff gefährdet sei.

[… Deshalb] trat [ich] im Mai 1933 in die Partei ein und sicherte damit der Schule und meinen Mitarbeitern ein ungestörtes Weiterarbeiten, soweit es die allmählich zunehmend einengenden schulischen Bestimmungen noch erlaubten.

Ein großes Schulwerk-Orchester unter Leitung von Gunild Keetman wurde […] für das Olympische Festspiel während der Olympiade Berlin 1936 engagiert und begleitete die von mir für dieses Festspiel entworfenen und einstudierten Tänze für 3.000 Kinder und 1.500 junge Mädchen, die sogenannten Olympischen Reigen. Der Erfolg war international […] durchschlagend […, so dass der] Vorwurf, dass Musik und Tanz der Günther-Schule undeutsch sei, erstmal zurückgenommen und die Tanzgruppe als „förderungswürdig“ erklärt wurde. [Dieses „förderungswürdig“ wurde bald wieder zurückgezogen.]

[..Von] da an [überließ] Carl Orff mehr und mehr die Durchführung des schulischen Unterrichts seinen Assisten [… und], wie schon seit 1928, Gunild Keetman. Er selbst stand der Günther-Schule nur noch beratend und als Mitglied der Prüfungskommission zur Verfügung.

Im Juli 1944 wurde dann das Schulhaus vom „Gauleiter“ der Stadt München für seine Zwecke beschlagnahmt und der Unterricht musste eingestellt werden. […] Da aber im Januar 1945 mein beschlagnahmtes Schulhaus in München, in dem sich noch sämtliche Lehrmittel, Instrumente, Kostüme und das ganze Archiv und so weiter befand, durch Kriegseinwirkung total ausbrannte, konnte ich diesem Dekret [zwangsweise nach Prag umzusiedeln mit der Schule] entgehen, aber nach Kriegsende die Schule aus Mangel an Mitteln nicht wieder eröffnen.“6

Oberkapitel: Musikpädagogik im Nationalsozialismus, weiterlesen: Nach dem Zweiten Weltkrieg: Wiederaufbau

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1http://www.dieterwunderlich.de/Carl_Orff.htm [28.11.2017]

2Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.109

3Vgl. Kap. 2 im vorliegenden Text

4http://www.dieterwunderlich.de/Carl_Orff.htm [28.11.2017]

5Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.109

6Günther, Dorothee: „Als Gründerin und Leiterin der Günther-Schule-München (1924-1945) gebe ich zur „Geschichte des Orff-Schulwerkes“ Folgendes bekannt“, Rom, ohne Datum, zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Dorothee_G%C3%BCnther [28.11.2017]