Zu Beginn der Ära Hitler gab es wenig allgemein bekanntes Liedgut, dass der Propaganda der Nationalsozialisten entsprochen hätte. Man konnte auf keine lange Tradition zurück greifen. Dafür konnten die Jugendbewegungen der Weimarer Republik mit einem großen Schatz an Liedern dienen, die oft einfach übernommen wurden.1 Volkslieder, als „Lieder der Gemeinschaft“ bezeichnet, bildeten die Grundlage der musikalischen Arbeit.2 In den Spielscharen sang man, was sich an Literatur fand: Volkslieder und politische Lieder, auch Lieder der einstigen Jugendbewegungen, fast egal welcher Richtung, sowie „Kitsch und Epigonisches“.3 Trotzdem war die offizielle Verlautbarung, dass „im Vordergrund das neue Kampf- und Feierlied“ stehen solle, „in dem sich die Jugend zu der Weltanschauung Adolf Hitlers […] bekennt.“4 Ein Hinterfragen der Liedtexte war nicht vorgesehen.5

Wichtigstes Arbeitsmittel im schulischen Musikunterricht war dementsprechend das Liederbuch, wobei neue nationalsozialistische Liederbücher erst 1939 veröffentlicht wurden. Davor hatte man mit Hilfe der Hochschulen kurzfristig erstellte Ergänzungshefte und Liederblätter zu den bereits genutzten Liederbüchern herausgegeben.6,7 In einem Vorwort eines Liederbuches von 1934 heißt es: „Jugendgenossen! Dies Liederbuch gehört Euch! Was uns stark macht, singen wir – im Krieg und in der stillen Stunde. Wort und Ton sind Waffen der Bewegung gegen alle Widersacher. In Euch aber entfache das Lied immer neue Glut der Begeisterung. Denn es ist klingendes Bekenntnis zu Führer und Volk.“8 Nur beispielhaft möchte ich hier einen Liedtext einstellen, der die nationalsozialistische Ideologie sehr deutlich zeigt. Der Text stammt von Herbert Böhme und wurde von Georg Götsch vertont. Er stammt aus dem Liederbuch „Singende Mannschaft“ von 19409:

1. Eine Trommel geht in Deutschland um,

und der sie schlägt der führt,

und die ihm folgen, folgen stumm,

sie sind von ihm gekürt.

 

3. Er schreitet hart der Sonne zu

mit angespannter Kraft.

Seine Trommel, Deutschland, das bist du!

Volk, werde Leidenschaft!

2. Sie schwören ihm den Fahnenschwur,

Gefolgschaft und Gericht,

er wirbelt ihre Schicksalsspur,

mit ehernem Gesicht,

 

 

 

 

 

Oberkapitel: Musikpädagogik im Nationalsozialismus, weiterlesen: Kulturamt der Reichsjugendführung

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1Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.95

2Ebd., S.97

3Prieberg, Fred: Musik im NS-Staat, Frankfurt a.M., 1989, S.244

4Ebd., S.252

5Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.108

6Ebd., S.113

7Prieberg, Fred: Musik im NS-Staat, Frankfurt a.M., 1989, S.255

8Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.146

9Ebd., S.144