1935 wurde das „Kulturamt“ in der Reichsjugendführung (RJF) gegründet.1 Um eine „neue lebendige Pflege der Hausmusik zu erreichen“, wünschte sich Wolfgang Stumme, Musikreferent der RJF2: „Unser Volk soll bis zum letzten Mann mit uns die neuen Lieder des Volkes singen. Wir wollen die musikalisch besonders begabten und interessierten Jungen und Mädel in Spielscharen zusammenfassen.“3 Die RJF wählte das „Liedgut“ aus, war zuständig für die Einstellung musikalischer Mitarbeiter und entwarf eine eigene Praxis der Musikpädagogik.4

Auch das System Musikschule wurde von der RJF übernommen.5 1944 gab es etwa 160 „Musikschulen für Jugend und Volk“.6 Durch die intensive Werbung für den Instrumentalunterricht lernten ungefähr 120000 Jugendliche ein Instrument in dem von der RJF angebotenen Unterricht.7 Außerdem schuf und übernahm die RJF „Musikeinheiten“, wie Chöre, Singscharen, Instrumentalgruppen, Spielmannszüge und weitere, die die Aufgabe hatten, Feste musikalisch zu begleiten.8 Im Zentrum stand das praktische Musizieren, die theoretischen Fächer traten in den Hintergrund. Dazu schreibt Georg Götsch9 1934: „Wir […] stellen [die Musik] wieder in den Zusammenhang des festlichen Volkslebens[…]. Folgerichtig erziehen wir unsere Schüler weniger durch theoretische und methodische Belehrung, als durch die gemeinsame Bewältigung von wirklichen Aufgaben zur Gestaltung von Festen und Feiern.“10 Ziel war dabei auch, Kinder und Jugendliche zu erreichen, die andere Interessen als militärische Übung hatten und auch sie über ihre Freizeitbeschäftigung an den NS-Staat zu binden. Für manche sensible Kinder wurden die Musikeinheiten dadurch auch zum Zufluchtsort, wo es nicht nur um Stärke und Kraft ging, sondern sie ihre Persönlichkeit besser ausleben konnten.11

Oberkapitel: Musikpädagogik im Nationalsozialismus, weiterlesen: Hitler-Jugend und Bund Deutscher Mädel

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1Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.146

2https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_wichtiger_Politiker_und_Funktionstr%C3%A4ger_der_NSDAP [21.12.2017]

3Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.97

4Prieberg, Fred: Musik im NS-Staat, Frankfurt a.M., 1989, S.245

5Ebd.

6Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.97

7Prieberg, Fred: Musik im NS-Staat, Frankfurt a.M., 1989, S.251

8Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.98

9Georg Götsch war Initiator des „Musikheims“ in Frankfurt (Oder) und bis 1941 Direktor desselben. In seinen Zielen, die Musik wieder mit anderen Künsten zu verbinden, entspricht er Orff und Kestenberg. Eine weitere Beschäftigung mit dieser Persönlichkeit ist durch den Umfang dieser Arbeit leider nicht möglich. (http://musikheim.net/wp-content/uploads/2012/08/Jugendmusikbewegung.html; https://de.wikipedia.org/wiki/Musikheim [21.12.2017])

10Günther, Ulrich: Musikerziehung im Dritten Reich – Ursachen und Folgen, in: Schmidt, Hans-Christian (Hrsg.): Handbuch der Musikpädagogik Band 1 – Geschichte der Musikpädagogik, Kassel, 1986, S.140

11Ebd., S.99