Kunst und Musik werden in einigen Aspekten gerne gegeneinandergestellt. Die Kunst sei räumlich, die Musik zeitlich ist wohl ein Klassiker. Auch das Emotionale der Musik und das Oberflächliche der Kunst sind Klischees, die wir so nicht hinnehmen müssen, ebenso wie die Trennung zwischen prozessorientierte Musik und produktorientierte Kunst. Allerdings müssen wir hinnehmen und damit umgehen, dass unsere Schüler/innen mit diesen Erwartungen an Kunst und Musik in den Unterricht kommen.

Leitend für meine Überlegungen sind Erfahrungen, die ich in der kunst- und musikpädagogischen Vermittlungsarbeit mit Menschen gemacht habe, die nicht professionell mit Kunst zu tun haben. In dieser Arbeit wird deutlich, dass es ganz bestimmte Erwartungshaltungen Kunstwerken gegenüber gibt. Diese haben ihre Wurzeln in gewohnten Erfahrungen und sind oft mit einem – unbewussten – Kunstbegriff verbunden, wie er im Laufe der europäischen Kunst- und Musikgeschichte geprägt wurde. Innerhalb diese (sic!) Kunstbegriffs kommen der Bildenden Kunst andere Aufgaben zu als der Musik: Bildende Kunst in Gestalt der Malerei hat die „äußere Wirklichkeit“ darzustellen, in der Musik geht es um „innere, emotionale Wirklichkeiten“. Dieses – aus heutiger Perspektive eingeschränkte – Verständnis von Bildender Kunst und Musik beruht auf einer jahrhundertelangen Tradition und hat sicherlich etwas mit den grundsätzlichen Möglichkeiten der künstlerischen Ausdrucksmedien zu tun. Als legitime Erwartungshaltung Kunstwerken gegenüber muss der damit verbundene Kunstbegriff jedenfalls transparent gemacht und ernst genommen werden.“ (Brandstätter, S.115)

Innensicht und Außensicht

Natürlich tut sich die Kunst, insbesondere auch Bilder von Kindern, leichter damit, Dinge von außen zu zeigen. Allerdings gab es Strömungen, wie beispielsweise den Kubismus oder den Expressionismus, die versuchten, dies zu durchbrechen. Auch in kunsttherapeutischen Ansätzen ist das Innere, das Emotionale von großer Bedeutung.

Musik hingegen scheint immer emotional zu sein. Sie drückt die tiefsten Gefühle der Menschheit aus. Doch das ist – so behaupte ich – Unsinn. Es gibt musikalische Veranstaltungen, als Beispiel muss hier einmal der Wiener Opernball herhalten, bei denen ich nicht das Gefühl habe, es gehe um das Innere Menschen. Auch Musik kann zur Repräsentation von Äußerlichkeiten dienen.

Raum und Zeit

Zeitlich orientierte Kunst: Basteleien aus Pflanzen vergehen, Eis schmilzt und Kunst kann heutzutage auch mit einfachen Mitteln in Film und Video stattfinden. Bekannte Kunst, die mit Vergänglichkeit arbeitet, sind zum Beispiel die Stolpersteine zum Gedenken an die Vertreibung und Vernichtung der Juden und anderer Gruppen im Nationalsozialismus. Ähnlich wie alte Grabplatten werden diese mit der Zeit abgeschmirgelt.

Agoraphon – Bernhard Leitner, 1993

Räumlich orientierte Musik: Das Agoraphon von Gerhard Leitner zeichnet sich dadurch aus, dass jede Säule einen stetigen Klang erzeugt. Bewegt sich allerdings der Hörende, so verändert sich die Musik. Ähnliche Aufbauten sind in Musikgruppen möglich, wenn Kinder an verschiedenen Stellen im Raum Instrumente spielen und sich einzelne Hörende darin bewegen. Aber auch Musik, die mit Schallreflektionen arbeitet, könnte man als räumlich bezeichnen.

Prozess- und Produktorientiertheit

In der Musikpädagogik hat das prozessorientierte Arbeiten eine große Bedeutung. Nur in seltenen Fällen – beispielsweise bei Aufführungen – geht es in der Arbeit mit kleinen Kindern um ein fertiges Produkt, häufiger stehen Erfahrungen und der Weg zu Idee und Umsetzung im Zentrum. Bei der Kunst geht es oft um etwas anderes. Als künstlerische Genies sehen wir Maler, die beeindruckende Bilder auf ihren Ausstellungen zeigen und dies ist auch das Ideal für Kinder: Ein tolles Bild fertig zu haben und präsentieren zu können. Soll prozessorientiert gemalt werden, so Bedarf dies besonderer Vor- und Nachbereitung. Der Prozess kann beispielsweise in den Vordergrund gerückt werden, indem über Gefühle beim Malen gesprochen wird, ganzkörperlich gemalt wird (oder zumindest mit der ganzen Hand), oder auch indem der Entstehungsprozess eines Kunstwerkes dokumentiert und mit ausgestellt wird.

Oberkapitel: Bildende Kunst in der EMP; weiterlesen: Gestalt