DMusiknoten2as was Ihr links seht, ist die Notenschrift, wie wir sie heute kennen. Wir haben gelernt die Noten zu lesen und dieses abstrakte System, Musik aufzuschreiben, akzeptiert.

Doch wer war eigentlich so verrückt, sich auszudenken, dass eine Notenzeile fünf Linien haben soll und welches Genie hat sich die Reihenfolge der Vorzeichen erdacht? Welcher Künstler hat den Violinschlüssel entworfen, jenes faszinierende Zeichen, das heute auf allen möglichen Produkten, die auch nur im Entferntesten mit Musik zu tun haben, wiederzufinden ist? Ist das europäische Notationssystem nicht willkürlich und unlogisch?

Vieles in dieser Welt ist bei genauer Betrachtung willkürlich und unlogisch. Aber meist betrifft das Dinge, die, wie die Musiknotation, auf eine lange historische Entwicklung zurückblicken können.

Im Folgenden will ich versuchen, für Euch diesen Weg der Entwicklung nachvollziehbar zu machen. Wir beginnen bei der Entstehung der Neumen und sehen uns dann die Entwicklung der Einzelteile unserer Notation bis zum heutigen Stand an.

Die Erfindung der Neumen

Im Dialog zu lesen

In einem Benediktinerkloster; 600 nach Christus:

A: Ich bin Bruder Jakobus, Mönch im Benediktinerkloster auf Cassino. Als Mönch hat man kein leichtes Leben: Viele Gebets- und Bibelstunden und nur wenig freie Zeit. Diese Zeit arbeiten wir in den Schreibstuben. Wir Mönche sind ja fast die einzigen, die lesen und schreiben können. Wir schreiben alles mögliche Wissen ab und sammeln es in großen Bibliotheken. Das macht mir sehr viel Spaß. Aber das Singen der Psalmen fällt mir schwer. Benedikt, der Gründer unseres Klosters, hat vorgeschrieben, dass jede Woche alle 150 Psalmen durchgesungen werden sollen.

B: Wer beim Beten eines Psalmes, eines Responsoriums, einer Antiphon oder bei einer Lesung Fehler macht und sich nicht durch Buße dort vor allen verdemütigt, den treffe schwere Strafe, weil er nicht durch Verdemütigung wieder gut machen wollte, was er durch Nachlässigkeit verschuldet hat. Knaben aber werden für derlei Fehler mit Schlägen gezüchtigt.

A: Aber wenn ich mich doch mit meiner ganzen Kraft bemühe und mir die Töne doch nicht merken kann? Ich kann sie ja schließlich nicht aufschreiben.

B: Es fehlt dir an der nötigen Konzentration, Bruder. Der Vorsänger zeigt dir mit seinen Gesten genau an, welchen Ton du zu singen hast.

A: Das stimmt natürlich, aber der Vorsänger zeigt nur das, was er selber gerade singt. Dann ist es für mich aber schon zu spät. Ich müsste vorher wissen, was gleich kommt, so wie bei den Texten.

AUFGABE: Neumen schreiben

Singt liturgische Gesänge und überlegt Euch / lasst Euch von einem Musiklehrer zeigen, mit welchen Gesten ein Vorsänger einem Chor anzeigen kann, was er zu singen hat. Versucht Zeichen zu entwerfen, die dann über dem Text stehen können. Denkt daran, dass sie unserem Bruder Jakobus praktisch helfen sollen. Guckt euch erst danach richtige Neumen an.

Die ersten Neumen

Neumen1Hier seht ihr Messgebete, die ungefähr 870 geschrieben wurde. Später wurde der 24. Psalm links am Rand dazugefügt und über dem Text mit Neumen versehen.1 Neuma bedeutet „Wink“.2 Es liegt also die Annahme nicht fern, dass die Zeichen des Vorsängers in den Neumen nachgebildet wurden. Wie konnte nun aber aus diesen Punkten und Strichen, die nur als Gedächtnisstütze für jemanden dienten, der das Lied schon kannte3, unser heutiges Notationssystem, mit dem man auch unbekannte Lieder lernen kann, entstehen?

Neumen2Seht euch einmal dieses Bild an. Hier sind die Neumen auf ähnlichem Entwicklungsstand wie beim ersten Bild, aber sie wurden nicht irgendwo an den Rand geschrieben, sondern bekamen ihr eigenes Buch, ein Antiphonar.4 Das ist der Anfang der Neumen als ernstzunehmende Notenschrift.

Notenschlüssel

Zuerst wollen wir uns die Entwicklung des Notenschlüssels angucken. Bevor 1711 die Stimmgabel erfunden wurde5, war es nicht das Ziel des Notenschlüssels, einen exakten Ton festzulegen (beispielsweise ein eingestrichenes A mit 440 Hertz). Jede Region, jede Gemeinde, ja teilweise jede Kirche hatte ihr eigenes A.6 Der Notenschlüssel sollte zeigen, wo Halb- und wo Ganztonschritte liegen. Deshalb schrieb man einfach vor die erste Note ihren Namen. Notenschlüssel1Rechts seht ihr zwei mal ein „Amen“. Das erste soll, wie durch den Buchstaben angegeben, auf F starten und dann zum E runtergehen, das zweite geht von G zu F. Wenn man den Notenschlüssel verdecken würde, sähen die Amen genau gleich aus. Doch im Klang gibt es einen wichtigen Unterschied: Das erste ist ein Halbtonschritt, das andere ein Ganztonschritt.

Notenschlüssel2Wie die Buchstaben sich zu ihrer heutigen Form entwickelt haben könnten, seht ihr rechts. Allerdings muss man dazu sagen, dass das nicht immer ein klarer Weg war, sondern sich die Schlüssel auch von Region zu Region unterschieden.

Notenlinien

Etwa ab dem Jahr 10007 gibt es die Idee, aus dem Buchstaben, der als Notenschlüssel genutzt wurde, eine Linie entspringen zu lassen. Man setzte nun Punkte, die jedoch viereckig waren, weil man mit Federkielen schrieb, auf und unter die Linie. Später kamen noch mehr Linien dazu. Guido von Arezzo, der von ungefähr 992 bis 1050 lebte8, ordnete die Linien in Terzabständen9, also so, wie wir sie heute kennen, und führte farbige Linien ein10. Dabei nahm er für die F-Linie rot11 und für die C-Linie gelb12.

Notenlinien1Hier seht ihr Noten in Hufnagelschrift geschrieben13. In dieser Schrift, die um 1200 verwendet wurde14, sieht man schon Linien und vor der zweiten Linie von oben auch ein C als Notenschlüssel.

Notenlinien2Die Noten auf dem nächsten Bild haben ebenfalls das C als Notenschlüssel und schon, wie heute, fünf Linien. Es stammt aus dem 14. Jahrhundert15 und zeigt, dass auch Noten von den berühmten Buchmalern des Mittelalters nicht verschont blieben.

Vorzeichen

Als nächstes wollen wir uns einem etwas schwierigeren Thema zuwenden: Den Vorzeichen. Die Töne, die man kannte, benannte man nach dem Alphabet: A B C D E F G. Das B hat dabei geschichtlich bedingt eine besondere Wandlung durchgemacht, deshalb heißt der Ton heute im deutschen H und zum Beispiel im englischen immer noch B.16 Um das Jahr 800 kannte man also im heutigen Deutschland die Töne C D E F G A H C, wobei das H immer noch eine Sonderrolle hatte und gemeinsam mit B eine Doppelstufe bildete17, aber das lassen wir jetzt einmal außer Acht. Die Töne mit Vorzeichen, also zum Beispiel GIS waren noch nicht bekannt.

Im Dialog zu lesen (Mönch und Erzähler):

E: In einem Kloster, 850 nach Christus:

M: Bis jetzt haben wie in den Klöstern immer nur einstimmig gesungen. Doch jetzt gibt es die „Musica enchiriadis“, eine neue Lehrschrift18. In ihr wird gezeigt, dass man auch mehrstimmig singen kann. Man begleitet einfach mit einer zweiten Stimme in einem wohlklingenden Intervall, zum Beispiel der Quinte. Vorzeichen2Hier seht ihr eine einfache Melodie, wie wir sie singen. Als Begleitstimme steht darunter eine Quinte.

(Wenn ihr die Möglichkeit habt, es zu singen oder zweistimmig auf einem Instrument zu spielen, probiert es aus. Und achtet genau auf die Klänge über den Silben „voll sind Himmel und Erde“)

M: Halt! Was war das? Das klingt nicht wohlig! Was ist da los?

E: Genau auf diesen Silben finden sich Tritoni. Und unser Mönch hat recht: Ein Tritonus klingt nicht sehr angenehm.

Vorzeichen4E: Aber wie entsteht er? Sehen wir uns das doch mal auf der Klaviatur an. Eine Quinte ergibt sich, wenn man von einem Ton vier weiße Tasten weitergeht, zum Beispiel von C zu G. Das sind normalerweise sieben Halbtonschritte. Das geht auch von allen weißen Tasten aus ganz gut, nur von H aus ist es anders. Gehen wir von H aus vier weiße Tasten weiter, kommen wir zu F. Zählen wir aber die Halbtonschritte, so sind es nur sechs. Das ist eine verminderte Quinte, bzw. ein Tritonus, weil er aus drei (tri) ganzen Tonschritten (tonus) besteht.

M: Und wie schaffen wir es nun, diesem Missklang zu entgehen? Er ist kleiner als eine Quinte, also müssen wir den Abstand zwischen Haupt- und Begleitstimme vergrößern, um wieder eine wohlklingende Quinte zu erreichen. Vorzeichen3Ich nehme einfach den unteren Ton und setze ihn einen Halbton tiefer, dann habe ich wieder sieben Halbtöne Abstand und damit eine wohlklingende Quinte. (Setze ein b vor alle H.)

E: Man kann aber natürlich auch den oberen Ton höher setzen. Und damit sind das erste B und das erste Kreuz erfunden. Erst später entwickelte sich die Reihenfolge der anderen Kreuze und B. Aber immer aus dem gleichen Grund: Man muss einen Tritonus vermeiden. Wenn man nun nämlich in einer Tonart mit einem Kreuz spielt (also mit FIS), entsteht der nächste Tritonus zwischen FIS und C. Und um den zu vermeiden erhöht man dann auch das C. Wenn man das CIS eingeführt hat entsteht wieder ein neuer Tritonus, der aufgehoben wird und immer so weiter. Dadurch ergibt sich die Reihenfolge der Vorzeichen.

Takt

Wie ist eigentlich Rhythmus entstanden? Es gibt Formen eines musikalischen Pulses, die auf natürliche Weise entstehen und die auch die frühesten Menschen schon kannten. Das sind zum Beispiel der menschliche Puls, der Atem19 aber auch Wellen, die gegen die Küste branden. Zudem wird quasi schon immer rhythmisch gearbeitet. (Versuche einmal, unrhythmisch zu gehen oder Holz zu hacken, dann wirst du merken, dass es viel schwerer ist, als rhythmische Bewegungen zu vollziehen.) Doch wie wurde Rhythmus in der Musik verwendet und wie entwickelte sich der Takt, wie wir ihn heute kennen?

Zu Beginn der Neumen sang man, wie man las, im Sprechrhythmus.20 Lange gab es den Tactus, einen freischwebenden Puls, der jedoch mit unserem Verständnis von Takt nicht zu vergleichen ist.21 Unter Einfluss der Tanzmusik entwickelte sich um etwa 1600 der Akzentstufentakt.22

Was aber ist ein Akzentstufentakt? Akzent bedeutet in diesem Fall Betonung. Also ein Takt mit Betonungen. Und Stufen, weil es nicht nur betont und unbetont gab, sondern auch Stufen dazwischen. Im Mittelalter nutzte man meist Dreiertakte, die wegen der Dreieinigkeit Gottes (Vater, Sohn und Heiliger Geist), als perfekt galt.23

4-4 TaktWir wollen aber erst mal den 4/4-Takt ansehen: Die Eins und die Drei werden betont, die Drei jedoch nicht so stark wie die Eins. Man könnte das zum Beispiel so darstellen, wie ihr es rechts seht.

6-8 TaktSeht euch nun das Betonungsbild des 6/8-Taktes und das des 3/4-Taktes an. In Mathe hat man vor langer Zeit mal gelernt, dass man 6/8 auf 3/4 kürzen kann. In der Musik geht das jedoch nicht. Beim 6/8-Takt zählt man die Achtel und betont die Eins und die Vier. Beim 3/4-Takt zählt man die Viertel 3-4 Taktund betont die Eins stärker als die Zwei und die Drei. Für die Achtel spricht man „und“.

AUFGABE: Falsche Betonung

Nun ja, könnten einige sagen, es ist doch aber völlig egal, wie man betont, das hört doch sowieso kein Mensch. Aber versucht einmal, die verschiedenen Takte zu sprechen und zu klopfen und ihr werdet merken, dass ein Unterschied hörbar ist. Wenn ihr ein Instrument spielt, könnt ihr auch versuchen, dass Stück, das ihr gerade übt „falsch“ zu betonen, indem ihr bei einem 6/8-Takt jede Viertel betont (als wenn es ein 3/4-Takt wäre) oder bei einem 4/4-Takt die Zwei und die Vier betont. Wenn ihr kein Instrument spielt, nehmt einfach ein bekanntes Kinderlied und betont es falsch. (Zum Beispiel: Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein, usw.) Wer so gar nicht singen will, kann das Ganze auch an einem Gedicht testen.

Neumen – ein Beispiel

Nun wollen wir uns einmal gemeinsam ein Notenbeispiel ansehen: Dieses recht bekannte Morgenlied („Die güldne Sonne“) wurde im 17. Jahrhundert komponiert, wann diese Noten gedruckt wurden, weiß ich nicht. Die Neumen sehen heutigen Noten aber schon sehr ähnlich. Es handelt sich hierbei wahrscheinlich um die sogenannte Weiße Mensuralnotation. Wie die Taktangaben gemeint sind, kann ich nur vermuten. Man sieht an den Noten, dass jeweils 6/2 einen Takt bilden, teils auch 12/2 zusammengefasst sind. Das „C“, ein offener Halbkreis, steht für einen unperfekten Takt, also einen zweigeteilten. Dies könnte die Unterteilung von 6/2 in 2×3/2 meinen. Die Ziffern scheinen keinen 3/2-Takt nach heutigem Verständnis zu meinen, sondern eine „Proportion“ zu sein, die anzeigt, in welchem Verhältnis Notenwerte verkleinert oder vergrößert werden sollen.

Die Taktart ist hier also sehr verwirrend, die genauen Gründe kenne ich auch nicht. Das, was ihr vor dem Halbkreis seht, ist ein Kreuzvorzeichen vor dem f, das Stück ist also in G-Dur notiert. Das Symbol ganz am Beginn der Zeile ist der Notenschlüssel. Hierbei handelt es sich um einen C-Schlüssel. Die weiße Mensuralnotation hat sich unter anderem deshalb entwickelt, weil Tinte teurer wurde und man die Noten deshalb nicht mehr ausfüllte. Ebenso wurde hier wahrscheinlich der Notenschlüssel nicht ausgefüllt. Die vier „Stufen der Leiter“ sind jeweils zu zweit ein Ende des „C“, zwischen ihnen müsste also Farbe sein. Damit umrahmt der C-Schlüssel die untere Linie.

AUFGABE: Neumen lesen

Sucht einmal im Internet oder falls ihr habt in Büchern nach Bildern von alten Handschriften, auf denen ihr Neumen seht. Sicherlich könnt ihr nicht alle lesen, aber vielleicht gelingt es euch mit den Erläuterungen, die ihr in diesem Kapitel (Von den Neumen zu moderner Notation) findet, einiges zu erkennen und in etwa zeitlich einzuordnen. Und vielleicht findet ihr ja auch, wie ich, Sachen, die ihr nicht versteht, die ihr interessant findet.

Oberkapitel: Musikgeschichte

______________________

Bildquelle: http://imslp.org/wiki/Keyboard_Sonata_in_D_major,_Hob.XVI:37_%28Haydn,_Joseph%29 [02.06.2015; 16:37]

1Auch Bildquelle: Tewinkel, Christiane, Eine kurze Geschichte der Musik, 2007, S.38f

2Schaub, Stefan, Eine kleine Musikgeschichte, 1993, S.28

3Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.86

4Auch Bildquelle: Schaub, Stefan, Eine kleine Musikgeschichte, 1993, S.29

5Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.185

6Tewinkel, Christiane, Eine kurze Geschichte der Musik, 2007, S.44

7Holst, Imogen, Das ABC der Musik, 2009, S.18f

8Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.82

9Schaub, Stefan, Eine kleine Musikgeschichte, 1993, S.28

10Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.90

11Schaub, Stefan, Eine kleine Musikgeschichte, 1993, S.28

12Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.90

13Bildquelle: Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.86

14Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.165

15Auch Bildquelle: Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.172

16Holst, Imogen, Das ABC der Musik, 2009, S.15

17Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.89

18Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.166

19Mühe, Hansgeorg, Stilkunde der Musik, 1989, S.40

20Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.87

21Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.167

22Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.181

23Schaub, Stefan, Eine kleine Musikgeschichte, 1993, S.31

Bildquellen im Abschnitt Takt: Eigene

Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.178 (auch Bildquelle)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mensuralnotation [26.08.2019]

http://www.classic.kolja-elsaesser.de/theory.htm [26.08.2019]