Mit diesem Kapitel möchte ich euch einen Einblick in die Musik der Wiener Moderne verschaffen. Wiener Moderne heißt die Zeit um 1900, in der Wien ein wichtiges Zentrum des gesellschaftlichen Wandels war. Dies betrifft nicht nur die Musik, sondern vor allem auch die Literatur und die Kunst.1

Um zu verstehen, was musikalisch neu war in der Wiener Moderne muss man zuerst wissen, was das Alte war. Deshalb findet ihr im nächsten Abschnitt einen superkurzen Überblick über die Musikgeschichte. Wer sich damit auskennt, kann diesen überspringen.

AUFGABE:

Es bietet sich an, wenn in einer Gruppe die Musik der Wiener Moderne erarbeitet werden soll, auch andere Aspekte (Literatur, Erfindungen, Philosophie, etc.) arbeitsteilig anzusehen, um ein Gefühl für den Rahmen zu entwickeln, in dem diese Musik gespielt wird.

Überblick der Musikgeschichte

Einmal schnell die Musikgeschichte zu überfliegen, ist eigentlich kaum möglich. Immer fehlt etwas, was ebenso wichtig ist und auf keinen Fall vergessen werden darf. Trotzdem will ich es einmal versuchen, damit wir sicher sein können, dass alle verstehen können, was das Neue an der Musik der Wiener Moderne war.

Seit ca. 1600, also dem Beginn der Barockzeit kannte man Dur und Moll als Tongeschlechter. Vorher hatte es die sogenannten Kirchentonarten (eigentlich Modi) gegeben, die nur aus den weißen Tasten des Klaviers gebildet wurden.

In der Klassik, also der Zeit von Mozart, Haydn und Beethoven, bekommt die Melodie eine tragende Rolle. Oft gibt es eine einfache Begleitung in der nur wenige Harmonien vorkommen. Die Melodien waren sehr sanglich und leicht wiederzuerkennen, auch wenn natürlich Ausnahmen die Regel bestätigen.

Das 19. Jahrhundert ist dann das Jahrhundert der Romantik. Die Harmonik wird immer mehr erweitert. Statt Dur- und Molldreiklängen gibt es nun auch immer mehr Vier- und Mehrklänge, die Spannung in die Musik bringen. Außerdem nimmt man auch Harmonien, die nicht so eng mit der Grundtonart verwandt sind und deshalb ebenfalls spannungsreich wirken.

Eine weitere „Erfindung“ der Romantik ist die Programmmusik: Komponisten lassen sich von einem außermusikalischen Thema inspirieren. Sie vertonen die Natur, Gedichte, Tagesabläufe, Erlebnisse, etc. Eines der berühmtesten Beispiele für Programmmusik ist zum Beispiel „Die Moldau“ von Bedrich Smetana, in der er den Lauf des Flusses Moldau vertont hat.

Unter diesen Vorbedingungen erhebt sich nun also kurz vor 1900 die Wiener Moderne. Mit ihr beginnt der Stilpluralismus, der bis heute in unserer Musik herrscht. Stilpluralismus bedeutet, dass nun verschiedene Stile gleichberechtigt nebeneinander existieren. Auch vorher gab es natürlich schon Kunst- und Volksmusik, aber diese waren eben nicht gleichberechtigt.

Heute wollen wir uns als Kunstmusik die Zweite Wiener Schule angucken. Eine Schule ist in diesem Falle kein Gebäude, sondern ein Gebilde von Lehrern und Schülern, die einen ähnlichen Kompositionsstil entwickelt haben. Die Erste Wiener Schule war schon zur Zeit der Vorklassik gewesen.2

Die Unterhaltungsmusik, die wir uns anschauen wollen, ist die sogenannte Schrammelmusik, die – wer hätte es erwartet – nach Herrn Schrammel benannt ist.

Und außerdem findet ihr in diesem Kapitel auch einen Abschnitt über die Wiener Operette, dem Luxus-Ereignis im Wien des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts.

Portrait: Arnold Schönberg

Arnold Schönberg, Selbstportrait 1908

Die Zweite Wiener Schule war für die Wiener Moderne die Kunstmusik. Ihr Mittelpunkt war Arnold Schönberg. 1874 in Wien geboren, hatte Arnold Schönberg sich das Komponieren selber beigebracht. Aber nicht nur das: Er war ein Universalgenie, konnte zeichnen, dichten und war handwerklich begabt.

Als einfacher Banklehrling hatte Arnold Schönberg nur wenig Geld für Konzertbesuche und saß bei Freilichtkonzerten, wie sie in der Kunststadt Wien oft stattfanden, meist hinter der Absperrung. Bald nach der Lehre kündigte er seine Stelle bei der Bank und hielt sich mit kleineren Dirigaten über Wasser. Ab 1898 begann er Kompositionsunterricht zu geben. Im gleichen Jahr gab er den jüdischen Glauben auf und lies sich evangelisch taufen.3

„Die Zeit wird kommen, in der die Fähigkeit, thematisches Material aus einer Grundreihe von zwölf Tönen zu gewinnen, eine unabdingbare Voraussetzung für die Zulassung zur Kompositionsklasse eines Konservatoriums sein wird.“ – Arnold Schönberg (1935)

Arnold Schönberg war zwar eigentlich von seinen neuen Entdeckungen überzeugt, doch die Kritiker zerrissen seine Musik regelmäßig in ihren Blättern.

„Es gibt relativ wenig Menschen, die imstande sind, rein musikalisch zu verstehen, was Musik zu sagen hat. Die Annahme, ein Tonstück müsse Vorstellungen irgendwelcher Art erwecken, und wenn solche ausbleiben, sei das Tonstück nicht verstanden worden oder es tauge nichts, ist so weit verbreitet, wie nur das Falsche und Banale verbreitet sein kann.“ – Arnold Schönberg

Arnold Schönberg nahm sich diese Kritiken sehr zu Herzen. Er konnte nicht verstehen, was die Menschen gegen seine Musik haben konnten und wollte es doch gerne allen recht machen.4

Im ersten Weltkrieg leistete er seinen Militärdienst in der Militärkapelle ab. 1933 verlor Schönberg aufgrund der nationalsozialistischen Gesetze seine Arbeit und ging ins Exil nach Paris, wo er den jüdischen Glauben wieder annahm, da er sich aufgrund der politischen Situation wieder als Jude fühlte. Nach einem Monat in Paris immigrierte er in die USA und nahm 1941 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Er starb zehn Jahre später in Los Angeles.5

Atonalität und Zwölftonmusik

„Gleichwohl, wer Schönberg zum ersten Mal hört, mag abgeschreckt sein, entsetzt, verstört, frustriert. Der hohe Grad an Dissonanz, die oft sehr unstrukturiert wirkende Rhythmik, die vermeintliche Ziellosigkeit der Musik – das alles wird zunächst als Zumutung empfunden. Unsere Ohren sind seit Bach daran gewöhnt, bestimmte Akkorde immer wieder zu hören, basierend auf Dreiklängen, die sich aufeinander beziehen. Unser Gehirn hat gelernt, dass Töne hierarchisch angeordnet sind, dass es in einer Melodie wichtige und unwichtige gibt, Grund und Zieltöne, auf denen die Musik aufbaut und auf die sie sich zubewegt. Wir erwarten automatisch, dass sich musikalische Motive entwickeln, die Musik einem Höhepunkt entgegentreibt oder dem Ende eines Satzes. Wir haben diese Tonsprache gelernt, so wie ein Kind eine Sprache lernt, zunächst ohne jegliche Reflexion. Sie ist uns vertraut, nachvollziehbar, verständlich.“6

Arnold Schönberg schrieb eine für viele Menschen seiner Zeit nicht verständliche Musik. Das lag vor allem daran, dass seine Musik kein tonales Zentrum hatte, sie war atonal. Wenn wir ein einfaches Lied in C-Dur hören, dann wissen wir intuitiv, es wird in C-Dur enden, auch wenn wir das nicht beschreiben können. Wir spüren am Ende, dass wir in der Heimattonart angekommen sind, dass das Lied nicht mehr weitergehen wird.

AUFGABE: Tonales Zentrum spüren

Singt einmal eine Dur Tonleiter rauf und wieder runter. Beim Zweiten Anlauf bleibt ihr beim siebten Ton stehen. Das ist der Leitton. Könnt ihr spüren, wohin er – scheinbar automatisch – leitet? Probiert das gleiche mit einer Molltonleiter (natürlich Moll). Leitet der siebte Ton hier stärker oder schwächer?

Singt nun einfache Lieder, gerne auch mit Begleitung und bleibt direkt vor dem letzten Ton stehen. Wie stark ist die Kraft, die euch zum letzten Ton zieht?

Bei manchen Liedern werdet ihr auch spüren, dass es euch am Ende einer Strophe wieder weiterdrängt, den Refrain zu singen. Dies ist der Fall, wenn die Strophe nicht mit dem Tonika-Akkord endet. Achtet einfach darauf, an welchen Stellen ihr euch irgendwo hingezogen fühlt.

Wie jedoch im Überblick über die Musikgeschichte erwähnt, hatte sich das in der Romantik verändert. Man hatte sich immer häufiger und immer weiter vom tonalen Zentrum entfernt. Aber trotzdem, das Zentrum war immer da gewesen. Doch Schönberg hat kein tonales Zentrum mehr. Seine Musik scheint zu schweben. Und das machte viele Leute böse.

Wenn es kein tonales Zentrum mehr gibt, warum sollte es dann noch Töne geben, die wichtiger sind als andere? Warum kommt zum Beispiel in einem Stück in C-Dur das Cis so selten vor? Das ist doch ungerecht!

Ihr merkt es – Eine weitere Entwicklung in Schönbergs Musik und in der gesamten Musik der Zweiten Wiener Schule war die gleichberechtigte Verwendung von zwölf Tönen. Das war nicht plötzlich so. Erste Kompositionsversuche lösten sich langsam ab vom tonalen Zentrum, erst später kamen alle zwölf Töne vor, bis es schließlich zu der Entwicklung sogenannter Zwölftonreihen kam. In einer solchen Reihe kommen alle zwölf Töne einer Tonleiter genau einmal vor. Sie kann vorwärts und rückwärts, aber auch gespiegelt und natürlich auch rückwärts-gespiegelt verwendet werden. Aber wichtig: Bevor ein Ton zum zweiten Mal vorkommt, müssen alle anderen einmal dran gewesen sein, sonst ist es keine Gleichberechtigung.

„In der neuen Musik sind die Zusammenklänge und die Melodie-Intervalle und ihre Folgen oft schwer faßlich. Darum muß eine Form gewählt werden, welche auf der einen Seite Erleichterung schafft, indem sie einen bekannten Ablauf herstellt.“ – Arnold Schönberg (1927)

Weil die neue Musik eben so schwer anzuhören war, nutzte Arnold Schönberg sehr traditionelle und einfache Formen, die den Menschen bekannt waren. Auch einfache Rhythmen unterstützten das Verständnis.

AUFGABE: Zwölftonreihe entwickeln

Geht in eurer Gruppe reihum. Jeder sagt einen Ton, solange bis ihr eine Zwölftonreihe habt. Gebt nun jedem Ton eine Tonlänge, schreibt euer Stück auf Notenpapier und lasst es euch von jemandem vorspielen. Hört euch dann Klaviermusik von Arnold Schönberg an. Was ist ähnlich, was ist anders?

Natürlich war für die Komponisten der Zweiten Wiener Schule das Komponieren mit zwölf Tönen nicht halb so komisch wie für uns. Es war vielmehr eine sehr ernsthafte Kunst, aus den alten Regeln auszubrechen und nicht einfach nur eine Spielerei.

„Die Einführung meiner Methode des Komponierens mit zwölf Tönen erleichtert das Komponieren nicht; im Gegenteil, sie macht es schwieriger!“ – Arnold Schönberg (1950)

Portrait: Anton Webern

Anton Webern wurde 1883 in Wien geboren und lernte Klavier und Cello. Mit Schönberg kam er in Kontakt, als er vier Jahre lang Kompositionsunterricht erhielt. Er arbeitete als Dirigent und Kapellmeister, ab 1927 als Dirigent beim österreichischen Rundfunk. 1945 gab es eine Razzia im Hause Webern in Salzburg, weil der Sohn Anton Weberns des Schwarzmarkthandels verdächtigt wurde. Dabei trat Webern vor die Tür und wurde versehentlich von einem amerikanischen Soldaten erschossen.

Die Werke Weberns sind oft sehr konzentriert und kurz, was die Fasslichkeit der Musik verstärken soll.7

„Man bedenke, welche Enthaltsamkeit dazu gehört, sich so kurz zu fassen. Jeder Blick läßt sich zu einem Gedicht, jeder Seufzer zu einem Roman ausdehnen. Aber: einen Roman durch eine einzige Geste, ein Glück durch ein einziges Aufatmen auszudrücken: solche Konzentration findet sich nur, wo Wehleidigkeit in entsprechendem Maße fehlt.“ – Schönberg im Vorwort zu den Bagatellen op.9 von Webern8.

Portrait: Alban Berg

Alban Berg, Portrait von Emil Stumpp, 1927

Alban Berg wurde 1885 in Wien geboren und hatte ähnlich wie Schönberg sehr verschiedene Begabungen. So zeigte er als Kind ein großes Interesse an Literatur und fing erst in der Jugend an, sich autodidaktisch mit dem Komponieren zu beschäftigen. Sechs Jahre lang erhielt er dann Kompositionsunterricht bei Schönberg, zweitweise gemeinsam mit Webern.9

Als siebzehnjähriger verliebt sich Alban Berg in ein Küchenmädchen und aus dieser Beziehung wird die uneheliche Tochter Albine geboren. Erst ein Jahr nach der Geburt seiner Tochter erkennt Berg die Vaterschaft an.10

Alban Berg starb am Heiligen Abend 1935 an einer Blutvergiftung.

Ein Radiointerview von 1930 zeigt eindrücklich, wie sich auch Berg mit Kritik auseinandersetzen musste: Gemeinsam mit einem „gegnerischen“ Interviewpartner gilt es, eine Antwort auf die Frage „Was ist atonal?“ zu finden:

„Aus einer Erfahrung, die ich nicht nur aus dem eigenen Schaffen schöpfe, sondern auch aus dem von Künstlern, denen die Kunst so heilig ist wie mir (so unzeitmäßig sind wir von der Wiener „atonalen“ Schule nämlich!): Kein Takt – und sei er von der kompliziertesten harmonischen, rhythmischen und kontrapunktischen Faktur – steht in dieser, unserer Musik, der nicht der schärfsten Kontrolle des Gehörs, des äußeren und des inneren Gehörs, unterworfen wäre, und für dessen Sinn, an sich sowohl als in der Stellung zum Ganzen, nicht ebenso die künstlerische Verantwortung übernommen wird, wie für die auch dem Laien sofort einleuchtende Logik eines ganz primitiven Gebildes, etwa eines einfachen Motivs oder einer simplen Harmoniefolge.“ – Alban Berg11

Kritik an der Zweiten Wiener Schule

Der Kritiker -Bild von Arnold Schönberg (undatiert)

Die Musik der zweiten Wiener Schule war nicht unbedingt bei allen beliebt. Sie wurde viel kritisiert und wie diese Kritik aussah beschreibt Kent Nagano sehr schön aus heutiger Sicht: „Bis vor ein paar Jahrzehnten, als es in den Konzertsälen noch richtig lebhaft zuging, blieben die Menschen der Musik nicht fern, sondern setzten sich mit ihr auseinander. Lauthals protestierten sie in den Konzerten. Und das ziemlich emotional. Die Traditionalisten empfanden Schönbergs Kompositionen und die seiner Schüler als blanke Provokation, seine Befürworter deren Unverständnis wiederum als unerträgliche Ignoranz. Schönberg erregte die Leute, er machte sie ungemein wütend. In seinen Konzerten wurde gelacht, gepfiffen, gebuht, geschrien. Es kam zu Tumulten und schweren handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Unvergessen ist das Ereignis im Frühjahr 1913, als Schönberg das Orchester des Wiener Konzert-Vereins dirigierte, die späteren Wiener Symphoniker. Orchesterstücke von Webern standen auf dem Programm, Lieder von Alexander Zemlinsky, Gustav Mahlers Kindertotenlieder und Schönbergs Kammersymphonie op. 9. Niemand anderes als Schönberg selbst übernahm auch bei seiner Kammersymphonie das Dirigat. Das Stück erntete, während die Musiker noch spielten, ungeniertes Gelächter, Protest und gleichzeitig Applaus. Nur ein kleiner Teil der Zuhörer verstand, dass dieses in freier Tonalität geschriebene Werk formal noch immer nicht mit allen Traditionen brach, sondern der Ästhetik und dem Geist der Romantik entsprungen war.

Die Stimmung im Konzertsaal war derart aufgeheizt, dass sich ein heftiges Handgemenge zwischen seinen Gegnern und seinen Befürwortern ergab. Die Polizei musste einschreiten, bekam den Tumult allerdings nicht in den Griff. Schönberg unterbrach – ohne Erfolg. Im Gegenteil: Es folgte ein Wortgefecht, schließlich sogar eine Ohrfeige, einige Sekunden erschrockene Stille, danach regelrechter Aufruhr – die Aufführung wurde abgebrochen. Wegen der Ohrfeige ergab sich sogar noch ein juristisches Nachspiel. Und das Konzert ging als „Watschenkonzert“ in die Geschichte ein. Nicht nur an dem Abend hatte diese ganz andere, ganz neue Musik keine Chance. Die Kritiker verrissen Schönbergs Kompositionen über Jahre als solche, die nach ihrer felsenfesten Überzeugung keine Musik sein konnten. Und Schönberg litt (darunter).“12

Schrammelmusik

Die Schrammelmusik ist die Unterhaltungsmusik der Wiener Moderne. Sie ist benannt nach den Brüdern Johann und Josef Schrammel, die 1850 bzw. 1852 in der Nähe von Wien geboren wurden. Ihr Vater sorgte dafür, dass sie Musikunterricht erhielten. 1884 gründeten die beiden dann das Schrammelquartett, dass mit Wiener Volksliedern für Unterhaltung in den berühmten Kaffeehäusern sorgte.13 Die Kaffeehäuser im Wien der damaligen Zeit waren die kulturellen Zentren der Stadt: Dort wurden die neuesten Nachrichten ausgetauscht, Geschäfte abgeschlossen und Bücher studiert.14 Schnell war die Schrammelmusik auch bei Aristokratie und Großbürgertum beliebt und fand auch bei Arnold Schönberg Unterstützung.15 Insgesamt schrieben die Brüder Schrammel über 250 Werke.16

Auf dem nebenstehenden Bild seht ihr die typische Besetzung, die für Schrammelmusik gebraucht wird17:

Zwei Geigen

Eine Klarinette

eine Kontra- oder Schrammelgitarre: Die Schrammelgitarre hat einen zweiten Hals ohne Griffbrett, das bedeutet, dass die Saiten am zweiten Hals nur eine Tonhöhe haben, und diese Basssaiten werden gezupft (ähnlich wie bei einer Harfe) oder schwingen einfach nur mit den anderen Saiten mit und erzeugen dadurch einen volleren Klang.18

Eine Knopf- oder Schrammelharmonika kommt erst später dazu.19

Die Schrammelmusik wurde von den Menschen geliebt wie zwei Zitate aus Zeitungskritiken zeigen:

„Die Schrammeln haben es verstanden, sich den Wienern in das Herz zu Geigen, wo sie erscheinen, da ist ihnen auch reichster Beifall gewiß.“

„Die Schrammeln gehen mit ihren Tönen, die sie ihren Instrumenten entlocken, direkt auf unser Herz los und lassen vergessen, daß es einen Zinstag, einen Schneider und sonstige Sorgen gibt.“20

Und auch Johannes Brahms, der zu dieser Zeit gute 50 Jahre alt war, liebte offensichtlich die Schrammelmusik, wenn man dem Bericht von Alice Barbi glauben darf:

„Nachdem die Schrammeln mehrere Wiener Lieder und Tänze gespielt hatten, stimmten sie auch ein amerikanisches Lied an, das damals in Wien volkstümlich war: „Ta-ra-ra-boom-de-ay“. Wurde die Silbe „boom“ gespielt, schlug man mit dem Spazierstock oder einem Bierglas auf dem Tisch den Takt dazu. An diesem Tag konnte ich sehen, daß auch Brahms mit überströmender Freude mit seinem Regenschirm den Takt schlug, wann immer das „boom“ ertönte. Ein Knabe mit einem grauen Bart.“21

Die Wiener Operette

Die Operette in Wien entwickelte sich aus der Pariser Operette und war geprägt durch den Wiener Walzer22. Die Operetten-Aufführungen waren Luxus-Ereignisse, die nur dem Großbürgertum zugänglich waren und grenzten sich ab, gegen die Aufführungen in Singspielhalle, wo es ein gemischtes Programm für die normalen Bürger gab.23

In Operetten wurden keine Parodien genutzt, wie es davor noch üblich war. Zum einen waren Parodien nicht mehr modern, zum anderen galt eine Parodie als niedriger als das Original und die Wiener Operette sollte die Hochkunst sein.

Die Wiener Operette erfüllte auch politische Zwecke: Österreich war militärisch schwach, worüber die eleganten Soldaten in den Operetten hinwegtäuschen sollten. Außerdem gab es Probleme mit den „Zigeunern“, die in dem Vielvölkerstaat lebten. Auch wenn diese bei den Österreichern unbeliebt waren, kamen Geschichten zur Thematik sehr gut an.24

Wie „Otto Normalverbraucher“ die Operette wahrnahm, zeigen folgende Zitate:

In der Wiener Operette trafen sich „die Finanzwelt, der wohlhabende Mittelstand, die im Sonnenschein des volkswirthschaftlichen Aufschwungs sich pilzartig vermehrenden Parvenus der Börse und die üppig in die Halme schießende Halbwelt, welche ihren Luxus in der vanity fair der (Prater-)Hauptallee zur Schau stellten.“ – Zeitungsartikel 188125

„die Operette (…), dieser Bastard der Kunst, den ein Börsenjobber mit einer Pariser Cocotte gezeugt haben dürfte“ – Schriftsteller Adam Müller-Guttenbrunn26

AUFGABE: Zeitungsartikel schreiben

Diese Aufgabe ist entstanden für ein Deutsch-Referat in Klasse 10 zum Thema Musik in der Wiener Moderne.

Stellt euch vor, ihr wäret zur Zeit der Wiener Moderne bei einem Konzert gewesen, bei dem entweder Musik der Zweiten Wiener Schule, Schrammelmusik oder eine Operette gespielt wurde.

  1. Definiert in Stichworten, wer ihr seid (Musikkenner/Laie, arm/reich, Traditionalist, Lieblingsmusik, schon vorher beeinflusst, Alter, Geschlecht, etc.)
  2. Schreibt aus dieser Sicht eine Zeitungskritik zu dem Konzert

Oberkapitel: Musikgeschichte

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1http://www.planet-wissen.de/kultur/metropolen/wien/pwiepersoenlichkeitenderwienermoderne100.html [27.02.16; 19:26]

2http://magazin.klassik.com/lexikon/details.cfm?DID=2941&RecordID=1&letter=W [27.02.16; 19:29]

3http://schoenberg.at/index.php/de/schoenberg/biographie [02.04.16; 14:37]

4Kent Nagano, Inge Kloepfer, „Erwarten Sie Wunder!“, Berlin 2014, S.99f

5http://schoenberg.at/index.php/de/schoenberg/biographie [02.04.16; 14:37]

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Sch%C3%B6nberg [27.01.17; 16:56]

6Kent Nagano, Inge Kloepfer, „Erwarten Sie Wunder!“, Berlin 2014, S.93

7Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.619f; Vgl auch http://www.klassikakzente.de/anton-webern/biografie [27.01.2017]

8http://www.universaledition.com/Anton-Webern/komponisten-und-werke/komponist/762/werk/794/werk_einfuehrung [27.01.2017]

Bildquelle: http://www.bach-cantatas.com/Lib/Webern-Anton-2.htm [27.01.2017]

9Wörner, Karl Heinrich, Geschichte der Musik, 1975, S.574

10https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Berg#Leben [27.01.2017]

11Reich, Willi (Hrsg), Was ist atonal?, 23 – Eine Wiener Musikzeitschrift, 1936, Nr.26-27, S.1-11; Zitiert nach: https://de.wikisource.org/wiki/Was_ist_atonal%3F [27.01.2017]

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Berg [27.01.2017]

12Kent Nagano, Inge Kloepfer, „Erwarten Sie Wunder!“, Berlin 2014, S.94f

Bildquelle: Henke, Matthias, Arnold Schönberg, München, 2001, S.21

13http://thalia.theaterservice.at/german/history.html [23.05.2015]

14https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Kaffeehaus [02.02.2017]

15http://www.schrammelmusik.com/schrammelmusik.html [23.05.2017]

16http://thalia.theaterservice.at/german/history.html [23.05.2015]

17Ebd.

18https://de.wikipedia.org/wiki/Kontragitarre [03.02.2017]

19https://de.wikipedia.org/wiki/Schrammelharmonika [03.02.2017]

20http://thalia.theaterservice.at/german/history.html [23.05.2015]

21Ebd.

Bildquellen: Brüder Schrammel: http://www.malat.co.at/malat_schrammeln.html [23.05.2015]

Schrammelquartett: http://thalia.theaterservice.at/german/history.html [23.05.2015]

22https://de.wikipedia.org/wiki/Operette [24.05.2015]

23https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Operette [24.05.2015]

24Ebd.

25https://de.wikipedia.org/wiki/Operette [24.05.2015]

26Müller Guttenbrunn, Adam: Wien war eine Theaterstadt, Wien 1885. S. 8; zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Operette [24.05.2015]

Bildquelle: http://www.reisenews-online.de/pics/wiener-blut-beim-operrettensommer-in-kufstein/ [24.05.2015]

Bildquelle: www.alwaysinfo.co.uk/images/g/http-39174-75424-75424www-30365subtext-30365at-75424wp-content-75424uploads-754242011-7542404-75424schreiben-30365jpg/schreiben/schreiben-image.html [06.02.2017]