Der Kritiker – Bild von Arnold Schönberg (undatiert)

Die Musik der zweiten Wiener Schule war nicht unbedingt bei allen beliebt. Sie wurde viel kritisiert und wie diese Kritik aussah beschreibt Kent Nagano sehr schön aus heutiger Sicht: „Bis vor ein paar Jahrzehnten, als es in den Konzertsälen noch richtig lebhaft zuging, blieben die Menschen der Musik nicht fern, sondern setzten sich mit ihr auseinander. Lauthals protestierten sie in den Konzerten. Und das ziemlich emotional. Die Traditionalisten empfanden Schönbergs Kompositionen und die seiner Schüler als blanke Provokation, seine Befürworter deren Unverständnis wiederum als unerträgliche Ignoranz. Schönberg erregte die Leute, er machte sie ungemein wütend. In seinen Konzerten wurde gelacht, gepfiffen, gebuht, geschrien. Es kam zu Tumulten und schweren handgreiflichen Auseinandersetzungen. Unvergessen ist das Ereignis im Frühjahr 1913, als Schönberg das Orchester des Wiener Konzert-Vereins dirigierte, die späteren Wiener Symphoniker. Orchesterstücke von Webern standen auf dem Programm, Lieder von Alexander Zemlinsky, Gustav Mahlers Kindertotenlieder und Schönbergs Kammersymphonie op. 9. Niemand anderes als Schönberg selbst übernahm auch bei seiner Kammersymphonie das Dirigat. Das Stück erntete, während die Musiker noch spielten, ungeniertes Gelächter, Protest und gleichzeitig Applaus. Nur ein kleiner Teil der Zuhörer verstand, dass dieses in freier Tonalität geschriebene Werk formal noch immer nicht mit allen Traditionen brach, sondern der Ästhetik und dem Geist der Romantik entsprungen war. Die Stimmung im Konzertsaal war derart aufgeheizt, dass sich ein heftiges Handgemenge zwischen seinen Gegnern und seinen Befürwortern ergab. Die Polizei musste einschreiten, bekam den Tumult allerdings nicht in den Griff. Schönberg unterbrach – ohne Erfolg. Im Gegenteil: Es folgte ein Wortgefecht, schließlich sogar eine Ohrfeige, einige Sekunden erschrockene Stille, danach regelrechter Aufruhr – die Aufführung wurde abgebrochen. Wegen der Ohrfeige ergab sich sogar noch ein juristisches Nachspiel. Und das Konzert ging als „Watschenkonzert“ in die Geschichte ein. Nicht nur an dem Abend hatte diese ganz andere, ganz neue Musik keine Chance. Die Kritiker verrissen Schönbergs Kompositionen über Jahre als solche, die nach ihrer felsenfesten Überzeugung keine Musik sein konnten. Und Schönberg litt (darunter).“1

Oberkapitel: Musik in der Wiener Moderne, weiterlesen: Schrammelmusik

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1Kent Nagano, Inge Kloepfer, „Erwarten Sie Wunder!“, Berlin 2014, S.94f

Bildquelle: Henke, Matthias, Arnold Schönberg, München, 2001, S.21