„Gleichwohl, wer Schönberg zum ersten Mal hört, mag abgeschreckt sein, entsetzt, verstört, frustriert. Der hohe Grad an Dissonanz, die oft sehr unstrukturiert wirkende Rhythmik, die vermeintliche Ziellosigkeit der Musik – das alles wird zunächst als Zumutung empfunden. Unsere Ohren sind seit Bach daran gewöhnt, bestimmte Akkorde immer wieder zu hören, basierend auf Dreiklängen, die sich aufeinander beziehen. Unser Gehirn hat gelernt, dass Töne hierarchisch angeordnet sind, dass es in einer Melodie wichtige und unwichtige gibt, Grund und Zieltöne, auf denen die Musik aufbaut und auf die sie sich zubewegt. Wir erwarten automatisch, dass sich musikalische Motive entwickeln, die Musik einem Höhepunkt entgegentreibt oder dem Ende eines Satzes. Wir haben diese Tonsprache gelernt, so wie ein Kind eine Sprache lernt, zunächst ohne jegliche Reflexion. Sie ist uns vertraut, nachvollziehbar, verständlich.“1

Arnold Schönberg schrieb eine für viele Menschen seiner Zeit nicht verständliche Musik. Das lag vor allem daran, dass seine Musik kein tonales Zentrum hatte, sie war atonal. Wenn wir ein einfaches Lied in C-Dur hören, dann wissen wir intuitiv, es wird in C-Dur enden, auch wenn wir das nicht beschreiben können. Wir spüren am Ende, dass wir in der Heimattonart angekommen sind, dass das Lied nicht mehr weitergehen wird.

AUFGABE: Tonales Zentrum spüren

Singt einmal eine Dur Tonleiter rauf und wieder runter. Beim Zweiten Anlauf bleibt ihr beim siebten Ton stehen. Das ist der Leitton. Könnt ihr spüren, wohin er – scheinbar automatisch – leitet? Probiert das gleiche mit einer Molltonleiter (natürlich Moll). Leitet der siebte Ton hier stärker oder schwächer?

Singt nun einfache Lieder, gerne auch mit Begleitung und bleibt direkt vor dem letzten Ton stehen. Wie stark ist die Kraft, die euch zum letzten Ton zieht?

Bei manchen Liedern werdet ihr auch spüren, dass es euch am Ende einer Strophe wieder weiterdrängt, den Refrain zu singen. Dies ist der Fall, wenn die Strophe nicht mit dem Tonika-Akkord endet. Achtet einfach darauf, an welchen Stellen ihr euch irgendwo hingezogen fühlt.

Wie jedoch im Überblick über die Musikgeschichte erwähnt, hatte sich das in der Romantik verändert. Man hatte sich immer häufiger und immer weiter vom tonalen Zentrum entfernt. Aber trotzdem, das Zentrum war immer da gewesen. Doch Schönberg hat kein tonales Zentrum mehr. Seine Musik scheint zu schweben. Und das machte viele Leute böse.

Wenn es kein tonales Zentrum mehr gibt, warum sollte es dann noch Töne geben, die wichtiger sind als andere? Warum kommt zum Beispiel in einem Stück in C-Dur das Cis so selten vor? Das ist doch ungerecht!

Ihr merkt es – Eine weitere Entwicklung in Schönbergs Musik und in der gesamten Musik der Zweiten Wiener Schule war die gleichberechtigte Verwendung von zwölf Tönen. Das war nicht plötzlich so. Erste Kompositionsversuche lösten sich langsam ab vom tonalen Zentrum, erst später kamen alle zwölf Töne vor, bis es schließlich zu der Entwicklung sogenannter Zwölftonreihen kam. In einer solchen Reihe kommen alle zwölf Töne einer Tonleiter genau einmal vor. Sie kann vorwärts und rückwärts, aber auch gespiegelt und natürlich auch rückwärts-gespiegelt verwendet werden. Aber wichtig: Bevor ein Ton zum zweiten Mal vorkommt, müssen alle anderen einmal dran gewesen sein, sonst ist es keine Gleichberechtigung.

In der neuen Musik sind die Zusammenklänge und die Melodie-Intervalle und ihre Folgen oft schwer faßlich. Darum muß eine Form gewählt werden, welche auf der einen Seite Erleichterung schafft, indem sie einen bekannten Ablauf herstellt.“ – Arnold Schönberg (1927)

Weil die neue Musik eben so schwer anzuhören war, nutzte Arnold Schönberg sehr traditionelle und einfache Formen, die den Menschen bekannt waren. Auch einfache Rhythmen unterstützten das Verständnis.

AUFGABE: Zwölftonreihe entwickeln

Geht in eurer Gruppe reihum. Jeder sagt einen Ton, solange bis ihr eine Zwölftonreihe habt. Gebt nun jedem Ton eine Tonlänge, schreibt euer Stück auf Notenpapier und lasst es euch von jemandem vorspielen. Hört euch dann Klaviermusik von Arnold Schönberg an. Was ist ähnlich, was ist anders?

Natürlich war für die Komponisten der Zweiten Wiener Schule das Komponieren mit zwölf Tönen nicht halb so komisch wie für uns. Es war vielmehr eine sehr ernsthafte Kunst, aus den alten Regeln auszubrechen und nicht einfach nur eine Spielerei.

Die Einführung meiner Methode des Komponierens mit zwölf Tönen erleichtert das Komponieren nicht; im Gegenteil, sie macht es schwieriger!“ – Arnold Schönberg (1950)

Oberkapitel: Musik in der Wiener Moderne, weiterlesen: Kritik an der zweiten Wiener Schule

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1Kent Nagano, Inge Kloepfer, „Erwarten Sie Wunder!“, Berlin 2014, S.93