Analyse einer Schülerin zu Hans Zimmers Musik „Der Prinz von Ägypten“

Der Filmsong „Erlöse uns“ (Original: „Deliver us“) wurde 1998 zum gleichzeitig gedrehten Dreamworksfilm „Der Prinz von Ägypten“ (Original: „The Prince of Egypt“) von Hans Zimmer in Zusammenarbeit mit Stephen Schwartz geschrieben.1 Die folgende Analyse der Filmmusik ist 2013 im Rahmen einer Hausaufgabe im Musikunterricht der 10. Klasse entstanden. Ich habe die deutsche Version analysiert, da der Text für das Verstehen der Handlung enorm wichtig ist. Der Film erzählt die Geschichte von Mose nach (Ex 1,1-34,35), von seiner Geburt bis zur Entgegenname der Gesetzestafeln auf dem Berg Sinai. Das Lied fasst den Anfang zusammen, um in die Handlung einzuführen: Es berichtet von den Qualen Israels, von der Aussetzung Israels und seiner Aufnahme in der Pharaonenfamilie.

Der Filmausschnitt ist anzusehen auf: https://www.youtube.com/watch?v=1csEgERXOZs [25.06.2017], das Video in besserer Qualität, an welchem sich auch die Zeitangaben auf den eingescannten Seiten orientieren ist leider seit dem Schreiben dieser Analyse gelöscht worden. Im getippten Text habe ich die Zeitangaben durch zu diesem Video passende ersetzt. Allerdings sollte auch ohne Zeitangaben eine Orientierung anhand des Textes möglich sein. (Umrechnung: Alte Zeitangaben minus 54 sek = neue Zeitangabe)

Die Mutter von Mose, Jachebed, wird gesungen von Ofra Haza (1957-20002), die Schwester von Mose wird gesungen von Debby Van Dooren (geboren 19863).1

Hörprotokoll

Die folgenden Seiten habe ich der Einfachkeit halber eingescannt, da das Tippen doch sehr lange gedauert und Darstellungsprobleme nach sich gezogen hätte. Am Ende befindet sich noch eine Legende, falls benötigt. Das Video, zu dem die Zeitangaben gehören, gibt es nicht mehr. Bitte orientiert euch einfach am Text, wenn ihr euch den Film anschaut.

Gestaltung der Übergänge

Fast alle Übergänge, an denen im Film Ort oder Perspektive gewechselt werden, macht die Musik in einem gleitenden Übergang mit. Das bedeutet nicht, dass der Übergang sanft sein muss, er kann durchaus abrupt in der Wirkung sein. Allerdings setzt Hans Zimmer nur selten Abschnitte der Musik ohne Verbindung hintereinander, sondern er verknüpft sie mit zwei Methoden:

1) Der Endton oder die Endharmonie ist gleichzeitig der Anfangston/Anfangsharmonie des nächsten Abschnittes (z.B. 00:38; 02:32 mit mehreren gleichen Tönen in der Melodie von Jachebed und dem Chor; 04:40 vorletzter Ton wird Ausgangston neuer Melodie, vorenthaltene Tonika führt zu Bewegtheit)

2) Der Endton wird leiser, die nächste Melodie nutzt ihn als Begleitung (01:56; 03:03; 05:12; 06:44)

„Brüche“ in der Musik sind selten (z.B. 02:06). In der Zeit von 04:20-04:41 schheinen auf den ersten Blick mehrere „Brüche“ zu sein, dort wird die Musik jedoch durch die Weiterführung des Thema I zusammengehalten.

Musik, Bild und Geräusche

Musik, Bild und Geräusche hängen in dem Filmausschnitt eng zusammen und lassen sich teilweise nicht genau trennen. Vor allem Geräusch und Sprache sind oft auch Teil der Musik (vgl. Peitschenhiebe und Rufe in 00:37-01:32). Dies schafft Hans Zimmer durch seine Arbeitsweise, die er wie folgt beschreibt: „Ich habe darüber nachgedacht, wie ich in letzter Zeit arbeite. Die Dinge schon vor den Dreharbeiten zu schreiben, ist der bessere Weg. Die Filmtechnologie hat sich in den letzten Jahren, insbesondere durch Computereffekte, so stark verändert, dass es nun möglich ist, auch noch etwas in letzter Minute am Film zu ändern. Ich glaube, der alte Weg, zu warten, bis der Film fertig geschnitten ist, und dann in die letzten sechs bis zwölf Wochen, oder wie lange auch immer, die Musik zu schreiben und aufzunehmen, funktioniert heute nicht mehr. Deshalb ist es sinnvoll, einen Teil der Musik vor diesen zwölf Wochen zu schreiben. Damit hat man selbst und die Filmemacher etwas, mit dem man arbeiten kann, während man über die Musik zum Bild nachdenkt. So hat man möglicherweise mehr Einfluss auf den Stil des Films. Außerdem kann man so diese ärgerlichen Temp-Track-Probleme lösen.“ (Hans Zimmer, Interview zu „The Da Vinci Code“, aus dem Englischen übersetzt)4

00:37-01:32: Peitschenhiebe und Rufe

Von 00:37 bis 01:32 wird die Problematik der Sklaverei für Israel dargestellt. Dabei erfährt die Musik Unterstützung durch Geräusche wie Peitschenhiebe und Rufe. Diese steigern sich dezent. Während in 00:40 der Peitschenhieb noch fast unhörbar im Rhythmus versteckt ist, hört man ihn in 00:43 unbewusst als Einleitung der ersten Strophe. Bei 00:55 wird auch der Mann, der die Peitsche schwingt, gezeigt. Hier unterstützt der Ausruf „Schneller!“, der wohl noch zur Musik gezählt werden kann, da er sich in den Sprechgesang des Männerchores einpasst. In 01:07 wird nach der zweiten Strophe der Ruf „Schneller!“ nur noch vom Sklaventreiber ausgeführt und ist deshalb eher zur Sprache zu zählen. Direkt darauf folgt ein Peitschenhieb, bei dem man den Sklaventreiber sieht und dann ist ein Stöhnen des Geschlagenen zu hören. Bei 01:13 werden Schlagender und Geschlagener gezeigt und es sind sowohl Schlag als auch Stöhnen zu hören. Mit dieser Steigerung wird einem immer stärker das Ausmaß der Sklaverei bewusst. Bei 01:35 sieht man, wie eine Peitsche zum Schlag erhoben wird und hört, wie sie zurückschlägt. Ob der Sklaventreiber aber zuschlägt, bleibt unklar. Man könnte interpretieren, dass an dieser Stelle die Frage nach der Zukunft Israels gestellt wird: Werden die Ägypter einmal nicht mehr zuschlagen?

Betrachtung einzelner Aspekte

Die Zeitangaben beziehen sich auf https://www.youtube.com/watch?v=1csEgERXOZs [25.06.2017]

02:06 hebräische Einleitung

Der Text bedeutet frei übersetzt: „Mein guter und sanfter Sohn, fürchte dich nicht und erschrick nicht.“ Bei dieser Einleitung wird Jachebeds Zugehörigkeitsgefühl zum israelitischen Volk und der hebräischen Sprache deutlich. Auch zeigt sie sie als Fremde, die eine (für die meisten Zuschauer) unverständliche Sprache spricht, so wie sich die Israeliten in Ägypten wohl fühlten: Als Fremde. Durch die Art, wie sie singt, wird aber auch ohne den Text zu verstehen, klar, dass sie ihren Sohn liebt, jedoch nicht fröhlich ist.

04:20 Vokalisengesang – Weinen

Jachebed singt das Thema I sehr laut und wie in Trance. Auf den Endtönen sind viele Verzierungen, die den Lauten des Weinens ähneln. Dadurch wird das Mitgefühl angesprochen und der Zuschauer versteht auch auf einer unbewussten Ebene die Trauer und Angst, die Jachebed als Mutter spürt.

04:30 Affenschranke

Durch die „Affenschranke“, die musikalisch durch eine Art „Hupen“ unterstützt wird, wird das Signal gesetzt, dass Mose nun für Jachebed nicht mehr erreichbar ist. Er wurde von seiner Mutter in Gottes Hand übergeben. Man kann den Ton aber auch wie eine Sirene als Warnton vor dem Bösen, das im Fluss lauert, deuten.

04:37 Krokodile

Nachdem das Thema I schon durch mehrere Instrumente und Perspektiven ging und sowieso schon in Vergesssenheit zu geraten droht, wird mit dem Beginn des „Korkodils-Themas“ auch noch der Endton vorenthalten. Ein Zurückkehren in die Tonika hätte ein zur Ruhe kommen bedeutet. So wird jedoch die Gefahr und Rastlosigkeit des Körbchens hörbar gemacht. Diese wird verstärkt, indem sich danach eine Sequenz immer höher „schraubt“.

04:58 majestätische Schiffe

Bei 04:57 ist nach einer Steigerung ein Höhepunkt erreicht, in Erwartung der Spannungsauflösung verstummt die Musik fast. Der Chor übernimmt nun einen rhythmischen Part und begleitet damit das Auftauchen der Schiffe. Dadurch erreicht Zimmer, dass die Schiffe größer und majestätischer wirken, als sie sind. Dies wird unterstützt durch die Kameraperspektive und zeigt die Wahrnehmung aus Sicht der kleinen Miriam am Ufer und aus der Sicht des kleinen Körbchens.

05:26-05:30 Steigerung

Die Steigerung durch drei aufsteigenden Töne in der Melodie erzeugt Spannung. Sie bezieht sich auf die Sprache, auf die beiden „He?!“ von Pharaonentochter und Miriam. Obwohl sie auf unterschiedlichen Seiten stehen, verbindet sie eine gemeinsame Angst, da die Pharaonentochter nicht weiß, was in dem Körbchen ist und Miriam nicht weiß, was mit Mose nun geschehen wird.

05:33 Sicherheit

Als die Tochter des Pharaos das Körbchen öffnet und Mose mit seinem kindlichen Charme sichtbar wird, hört man wieder das Thema I, die Melodie, die Jachebed Mose zu eigen gemacht hat. Dadurch ist sofort klar, dass es Mose trotz seiner gefährlichen Reise auf dem Fluss gut geht. Außerdem bringt Mose ein wenige der israelitischen Tradition (nämlich „sein“ Lied) mit in die Gemächer des Pharaos. Ein Hinweis darauf, dass sich dieser bald mit den Israeliten auseinandersetzen muss.

Oberkapitel: Hören

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1https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Prinz_von_%C3%84gypten [25.09.2013]

2https://de.wikipedia.org/wiki/Ofra_Haza [25.09.2013]

3https://de.wikipedia.org/wiki/Debby_van_Dooren [25.06.2017]

4https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Zimmer [25.09.2013]