Griechenland; etwa 450 vor Christus:

Ein griechischer Junge erzählt: „Wir hier in Athen leben im wohl glücklichsten Land der Welt. Uns geht es so gut, dass fast jeder Junge zur Schule gehen kann. Dort haben wir unter anderem Sport, Literatur, Grammatik und auch Musik als Schulfächer. Auch einfache Bürger können sich das geringe Schulgeld leisten. Selbst die Mädchen lernen von ihren Müttern nicht nur die Haushaltsführung sondern teilweise auch lesen, schreiben und musizieren.1 Alles, damit wir tüchtig und intelligent werden. Mich interessiert am meisten die musiké. Das ist die Tanz-, Ton- und Dichtkunst.2 Sie kann Menschen sehr stark beeinflussen. Deshalb ist sie wichtiger Teil der Erziehung3, um uns zu stärken. Jedes Tongeschlecht hat Eigenschaften, die den Menschen formen. Darüber habe ich erst kürzlich einen Text von Platon in „Der Staat“ gelesen. Es ist ein Dialog, den Glaukon und Sokrates führen:

S: Wir sagten: Gedichte klagenden und traurigen Inhalts hätten wir nicht nötig?

G: Nein.

S: In welchen Tonarten stehen denn nun die klagenden Melodien?

G: In der mixolydischen und ähnlichen.

S: Sie sind also auszuschließen. Für Frauen sogar, die tüchtig sein sollen sind sie ungeeignet, erst recht also für Männer.

G: Jawohl.

S: Welche Tonarten sind weichlich und eignen sich zu Trinkliedern?

G: Die ionische und die lydische. Man heißt sie die schlaffen.

S: Haben sie für Kriegsmänner irgendeinen Wert, mein Freund?

G: Nein keinen. So bleiben anscheinend nur die dorische und die phrygische übrig.

S: Ich kenne die Tonarten nicht. Lass die Tonart übrig, die dem Ton und der Ausdrucksweise des tapferen Mannes entspricht, wenn dieser im Kriege ist oder sonst Gewalt braucht. (…) Und eine zweite Tonart lass übrig, die ihn im Frieden zeigt, willig und milde, wie er überredet und wie er bittet. (…) Auch umgekehrt, wie er einer Bitte Gehör gibt, wie er Lehren und Reden beherzigt, folgsam, nicht hochfahrend ist, sondern stets besonnen und bemessen, zufrieden mit dem, was kommt. Diese beiden Tonarten lass übrig. (…)

G: Auf die Melodien folgen die Rhythmen. Auch hier dürfen wir nicht nach Mannigfaltigkeit und nach Taktwechsel streben. Wir müssen uns an die Rhythmen halten, in denen ein geordnetes und mannhaftes Leben dahinfließt. (Schließlich müssen wir untersuchen,) welche Taktarten zu knechtischem Wesen, welche zu Hochmut, zu Tollheit und zu anderen verwerflichen Eigenschaften passen und welche zu den umgekehrten, welche also erhalten werden sollen.

S: Nun, so ist gute Dichtung, gute Melodie, gutes Betragen, guter Rhythmus eine Folge der gutartigen Seelenverfassung.4

Der Musik wird im alten Griechenland also eine große Macht zugesprochen. Sie soll nicht „schön“ sein, in dem Sinne, wie wir das heute verstehen; Sie hat einen Zweck zu erfüllen: Die Erziehung junger Menschen.

Achtung: Die Namen der Tonarten tauchen auch bei den späteren Kirchentonarten wieder auf. Dort werden sie allerdings anders verwendet! (Da haben die Musiktheoretiker wohl was verwechselt, als sie das System der Griechen wieder aufgreifen wollten.)

Oberkapitel: Musik der alten Griechen, weiterlesen: Notenschrift der Griechen

________________________

1Duden, Basiswissen Schule – Geschichte, 2011, S.107f

2Duden, Basiswissen Schule – Musik, 2011, S.162

3Schaub, Stefan, Eine kleine Musikgeschichte, 1993, S.21

4Platon, Der Staat, nach Schaub, Stefan, Eine kleine Musikgeschichte, 1993, S.20f (Anpassung an die neue deutsche Rechtschreibung und einige Kürzungen von mir)