Die nächste Zeit lernte ich, mich immer selbstständiger zu bewegen. Nun entfernte ich mich auch mal für längere Zeit von meiner Mutter. Meistens blieben wir aber in schönen Abständen zueinander. Die wenigen Male, die ich mich in einem näheren oder weiteren Abstand als den angenehmen Entfernungen zu einer Note befand, war mir dies aber umso unangenehmer, weil ich es nicht gewohnt war. Ich hasste euch Menschen dafür, dass ihr mir das antatet und so schrecklich musiziert habt. Immer wieder wurde ich in unmittelbare Nähe anderer Noten gezogen, durfte sie aber nicht berühren. Doch ich wusste nicht, dass ihr das nur aus Unverständnis gemacht habt. Damals begann ich meine eigenen Studien über die Menschen. Ich durchstöberte jede Bibliothek, in die die Stringendo-Kraft mich führte. Vielleicht glaubt ihr, dass das ja ewig gedauert haben muss, aber als Note lernt man mit der Zeit, sich trotz Stringendo-Kraft selbstständig fortzubewegen. Bei der ersten Trennung von meiner Mutter war ich natürlich noch zu klein, um das zu können, aber ich hatte seitdem viel gelernt. Die Stringendo-Kräfte die uns hoch und runter treiben, also die Tonhöhe bestimmen, können wir nicht umgehen, aber die horizontalen Kräfte kann man, vergleichbar vielleicht mit Wind beim Segeln, ausnutzen, um an bestimmte Orte zu kommen. Sich von der Stringendo-Kraft treiben lassen ist am einfachsten, wenn man aber an ein bestimmtes Ziel möchte, so kann man in einem gewissen Rahmen auch die Richtung abändern und somit sogar gegen die Stringendo-Kraft „kreuzen“.

So also kam ich in die Bibliotheken und las alles, was ich über euch finden konnte und ergänzte es um das, was ich selbst sah. Wir können die Menschen nämlich sehen. Wieso das so ist, weiß ich nicht, aber so ist es. Hier entsteht übrigens der zweite Punkt, wie die Menschen unser Leben beeinflussen, den ihr dringend mal überdenken solltet: Noten können nur in Luft und Vakuum existieren [Anmerkung d. Hrsg.: Hier wird wiederum die Theorie der Schallwellen wiederlegt, die zwar nicht in Vakuum, aber in Wasser und anderen Materialien sich ausbreiten können]. Das bedeutet, dass ein Mensch, der sich durch eine Masse von Noten bewegt, diese verdrängt. Ebenso wie das andere Gegenstände und Tiere auch tun. Das ist an sich nicht schlimm, weil wir das ohne Probleme aushalten. Aber durch schnelle Objekte wie Züge und Flugzeuge sterben immer mehr Noten, da sie durch ihre Masse schwerfälliger sind als Luftteilchen und dadurch gegen die Scheiben knallen. [Anmerkung d. Hrsg.: Noten scheinen eine andere Art von Masse zu besitzen, die physikalisch (noch) nicht zu beschreiben ist, da sie sonst für Menschen sicht- und spürbar wären.]

Ich führte ein kleines Büchlein über meine Recherchen, ähnlich wie dieses hier. Ich verstand die Menschen immer besser und lernte zusätzlich viel über meine eigene Welt und die Naturwissenschaften, über die wir Noten im übrigen wesentlich mehr wissen als die Menschen. Außerdem las ich in den Büchern der Menschen. Das geht natürlich nur, wenn die aufgeschlagen sind und ich musste die Schrift und die Sprachen der Menschen lernen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Menschen sehr häufig Geschichten lesen, die der Phantasie eines anderen Menschen entsprungen zu sein scheinen, statt wissenschaftlicher Bücher. Früher war dies vornehmlich ein einziges Buch, die Bibel. Warum diese Geschichten den Menschen so wichtig waren, weiß ich nicht. [Anmerkung d. Hrsg.: Nach aktuellen Erkenntnissen haben die Noten keinen Glauben und keine Religionen. Dementsprechend kann Canta Bilé den Wert eines religiösen Buches auch nicht nachvollziehen.] Was ich aber weiß, ist, dass die Bibeln damals sehr aufwändig und mit viel Liebe hergestellt wurden. Vielleicht waren sie auch nur deshalb so wichtig. Heutzutage lest ihr viel mehr verschiedene Phantasiegeschichten. Das ist bei den Noten nicht so. Für uns gibt es in der Wissenschaft so viel zu entdecken, dass wir gar nicht das Bedürfnis haben, Dinge zu erfinden.Das Ziel des Lesens ist für eine Note nicht in erster Linie die Belustigung, sondern das Lernen.

meine Abschiedstorte

Ich war mittlerweile alt genug, das Haus zu verlassen. Mit einer großen Torte verabschiedete sich meine Mutter von mir. Trotz ein bisschen Traurigkeit und auch Angst vor dem Alleinsein, freute ich mich sehr auf die Freiheit. Ich wollte reisen und sehen, ob es auch noch andere Menschen gibt, als die die ich bislang gesehen hatte. Und außerdem wollte ich noch mehr Bücher lesen. Um das zu tun, musste ich die Mauern des großen Klosters, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, verlassen.

Und was ich dort sah, überraschte mich: Die Menschen außerhalb der Mauern trugen andere Kleider als die Mönche und hatten andere Tätigkeiten. Viele arbeiteten auf Äckern, andere in den Werkstätten, wo die unterschiedlichsten Gegenstände entstanden, von denen ich einige sogar kannte, mich aber nie gefragt hatte, woher sie kommen. Einige der Menschen arbeiteten auch im Haus. Die Menschen außerhalb des Klosters lasen gar keine Bücher und sangen auch ganz anders. Öfter als im Kloster drängte mich ihr Gesang in einen bestimmten Abstand zu anderen Noten, der recht spannungsvoll war. Zuerst war mir das unangenehm, aber ich gewöhnte mich bald daran.

Oberkapitel: Das Tagebuch der Note Cante Bilé, weiterlesen: Gioco Oso I