Gioco Oso, so also hieß der Junge meiner Träume. Ein faszinierender Name, wie ich finde. Und wie Canta Oso erst klingen würde…

Nun also sollte unsere erste Begegnung enden. Beide wandten wir uns, um zu gehen, [9] wobei Gioco leider in die Alte rannte, die plötzlich hinter ihm gestanden hatte. Er entschuldigte sich und wollte dann in die andere Richtung. Ich glaube, er war genau so verwirrt wie ich durch unser Zusammentreffen. Obwohl er wahrscheinlich so schnell wie möglich weg wollte, kam er mir plötzlich näher, [10] aber ich ging, fragt mich nicht warum, strikt geradeaus, ohne ihn zu beachten. Die alte Note kam noch näher und versperrte ihm noch einmal den Weg. Als ich mich dann wieder umdrehte, war die alte Note glücklicherweise eingeschlafen und Gioco angenehm weit weg von mir. [11] Er stand dort, wo sie eben noch gestanden hatte. Da die Alte ja weg war, hoffte ich darauf, dass wir uns noch einmal berühren könnten, doch nachdem er sogar einen Schritt auf mich zugemacht hatte, [12] zögerte er und kehrte wieder um. Auch ich ging einen Schritt zurück, aber ich [13] beobachtete ihn unauffällig. Zumindest hoffte ich, dass es unauffällig war. Er ging auf eine so wunderbare Art, die ganze Galanz, mit der sich sein Körper bewegte war einzigartig.

[14] Dann schlief ich ein. [15] Als ich aufwachte, war er plötzlich nicht mehr da. Nur die Alte stand da und starrte mich an. Vollkommen perplex stand ich stocksteif da. Ich hatte nicht geahnt, dass Gioco sofort wieder verschwinden würde, hatte gehofft, dass wir nun auf ewig zusammenbleiben könnten, auch wenn der vernünftige Teil in mir natürlich wusste, dass so etwas so gut wie nie passiert.

[16] Zu meiner Freude wachte Gioco dann wieder auf. Doch wir bewegten uns immer im gleichen Abstand zueinander. Dann, als ich versuchte, auf ihn zuzugehen, [17] stand er plötzlich direkt hinter mir. Die Spannung zwischen uns war so groß, dass ich erschrocken noch weiter nach vorne ging. Anscheinend verwirrt und verärgert wollte er weg. Klar, er hatte erwartet, dass ich freudig auf ihn reagiere. Nachdem ich den Schock überwunden hatte, sprang ich ihm nach und [18] wieder vereinigten wir uns. Ich spürte eine unendliche Leichtigkeit und wieder das Glück, dass mir seine Nähe auch eben schon beschert hatte. Dass er noch da war, mich hier umarmte und dass ich seine Liebe spüren konnte, war einfach wunderbar. Nach einiger Zeit fanden wir uns in einem angenehmen Abstand wieder.

[19] Dann geschah etwas Unangenehmes: Ich ging einen ganzen Schritt nach oben und hatte erwartet, dass er mir folgt. Aber das tat er nicht. Er nahm nur einen halben Schritt. Warum er das tat, kann ich nicht sagen. Plötzlich war unser Abstand zwar groß, aber extrem spannungsreich und es tat mir in der Seele weh. Ich sah, dass auch er sich quälte. Seine Gesichtszüge verzerrten sich, als ob er mit aller Macht versuchte, die Stringendo-Kraft auszutricksen. Auch ich wollte mich bewegen, aber es ging nicht. In solchen Situationen scheint man plötzlich viel schneller zu denken als normal. Ich sah mich schon mein Leben lang in dieser Position gefangen oder durch den Versuch, mich selbst zu befreien, so entkräftigt, dass ich sterben müsste. Mein ganzes Leben rauschte vor meinem inneren Auge vorbei, vor meinem äußeren Auge sah ich, wie Gioco sich zusammenkrümmte und wollte ihm so gerne helfen.

Doch dann kam plötzlich die Erlösung. Ich stolperte nach hinten und sah, wie es auch Gioco so erging. Vollkommen schockiert versuchten wir vorsichtig, uns anzunähern, um miteinander zu sprechen. Bisher hatte noch keiner von uns ein Wort gesagt zum anderen. Irgendwie hatte uns das Glück der Umarmung gereicht. Doch es schien wie ein Fluch. [20] Wieder wurden wir in diesem spannungsreichen Abstand gefangen. Aus meiner Erleichterung wurde sofort wieder Angst und ich neige zu Panik. Ich wurde immer panischer und meine Gedanken flitzten durch den Kopf. Würde die Stringendo-Kraft mich in Zukunft häufiger in solche Situationen treiben? Konnte so etwas jederzeit passieren? Oder gab es einen Fluch, der sich gegen eine Annäherung an Gioco stellte? Ja, in diesem Moment begann ich tatsächlich, einen Fluch für möglich zu halten. (Übrigens sind Flüche eine Erfindung der Menschen, die sich bei den Noten eingeschlichen hat. Aberglaube ist bei uns allerdings bei weitem nicht so verbreitet.) [21] Wir kamen wieder frei, doch in der nächsten Zeit war unsere Beziehung (Menschen scheinen ja alles ab der ersten Berührung als Beziehung zu betiteln) sehr spannungsreich. Vielleicht, weil die Alte wieder aufgetaucht war und wir über unsere Gefühle und die Erfahrung von extremer Spannung nicht sprechen konnten, gerieten wir immer wieder aneinander. Irgendwann hielt ich diese ewige Spannung nicht mehr aus. [22] Ich ergab mich dem Wunsch, einfach an einer Stelle liegen zu bleiben und die Welt an mir vorbeiziehen zu lassen. Gioco schien das zuerst zu akzeptieren und ließ mich in Ruhe. [23] Doch dann kam er noch einmal in meine Nähe. Ich tat nichts, genau wie ich es mir vorgenommen hatte. Ignorierte ihn einfach und als er sich wieder von mir entfernte [24] schlief ich ein.

Oberkapitel: Das Tagebuch der Note Cante Bilé, weiterlesen: Nachwort der Herausgeber