Ich wurde natürlich auch immer reifer und fing an, mich für Jungen zu interessieren. Dieses Merkmal der Pubertät ist bei Menschen und Noten sehr ähnlich. Im übrigen unterscheiden sich die Geschlechter der Noten für euch nicht, da der Klang gleich ist. Für mich aber wurde der Unterschied der Geschlechter von Tag zu Tag wichtiger.

[Anmerkung d. Hrsg.: Durch Zufall wurde von der Forscherin E.C. Freisin herausgefunden, dass die folgenden Schilderungen Bilés sich auf das sehr bekannte Werk „In nova Fert“ von De Vitry beziehen könnte. Die übereinstimmenden Punkte sind im folgenden im Text und im Notenbild mit den selben Ziffern gekennzeichnet, um sie dem Leser nachvollziehbar zu machen.]

Gioco Oso

[1] Eines Tages sah ich ihn plötzlich eine Quart entfernt von mir stehen: Wunderschöne rote Augen, blaue Haare und eine beeindruckende Statur. Lange stand ich wie erstarrt da, weder fähig, etwas zu denken, geschweige denn, etwas zu sagen. [2] Ich tat einen unbeholfenen Schritt auf ihn zu, doch er starrte mich so doll an, dass ich lieber sofort auf meine alte Position zurückkehrte. Mir war das alles furchtbar peinlich, vor allen Dingen auch, weil etwas weiter weg eine ältere Note aufgewacht war und uns zuschaute. Noch einmal setzte ich an, etwas zu sagen, aber als ich merkte, dass mein Mund ganz trocken war und ich gar nichts zu sagen hatte, [3] stolperte ich noch ein paar Schritte zurück. Am liebsten wäre ich weggerannt, aber das wäre noch viel peinlicher gewesen. Plötzlich hörte er auf zu starren und bewegte sich. Ich blieb erschrocken stehen, aber er veränderte seine Position nicht. Mein Herz pochte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. [4] Dann drehte er sich um und ging einen Schritt weg. Die Spannung zwischen uns wurde unerträglich. Ich wollte sofort zu ihm laufen, ihn aufhalten, anlächeln und nach seinem Namen fragen, ihn umarmen, ihn küssen… Aber andererseits hatte ich natürlich Angst. Er schien Augen im Hinterkopf zu haben und mein Gefühlschaos zu bemerken, [5] jedenfalls drehte er sich um und kam auf mich zu. Auch ich fasste nun Mut und ging, Schritt für Schritt auf ihn zu. Jeder Schritt erschien mir wie eine Ewigkeit. Ich hatte das Gefühl, mich vollkommen tölpelhaft anzustellen, wusste plötzlich nicht mehr, wie ich normalerweise mich bewege und konnte meinen Blick nicht von ihm wenden. Nur ganz im Augenwinkel bekam ich mit, [6] wie auch die andere Note näher kam.

[7] Und dann geschah es. Wir berührten uns und ich war ihm so nah, wie es nur früher bei meiner Mutter gewesen war. Eine Zeit lang standen wir so da, mein Herz klopfte bis zum Halse. Dann fiel mir ein, dass er das wahrscheinlich spüren konnte und ich tat einen großen Satz zurück. Dass ich mich damit in einen äußerst unangenehmen Abstand zu der anderen Note katapultierte, die noch dazu jetzt lächelte, während sie uns beobachtete war mir egal. Hauptsache er konnte meinen Herzschlag nicht mehr hören. Auch er war einen Schritt zurückgetreten und schaute mich überrascht an. Ich hatte plötzlich das Gefühl, einen großen Fehler gemacht und seine Hoffnungen enttäuscht zu haben. [8] Deshalb ging ich wieder auf ihn zu. Wir trafen uns an der gleichen Stelle wie vorher und ich spürte diesmal unendliches Glück, dass mich durchfloss. Diesmal war ich etwas ruhiger. Wir beide wussten, da war ich mir sicher, dass wir zusammengehörten. Irgendwie fühlte ich mich in den Armen dieses doch eigentlich Fremden geborgen. Langsam löste er sich von mir, sah mich an und lächelte. Er steckte mir einen Zettel zu, auf dem, wie ich später las, sein Name und seine Adresse standen:

Gioco Oso

Am Kloster 72

Anenburg

Oberkapitel: Das Tagebuch der Note Cante Bilé, weiterlesen: Gioco Oso II