Canta Bilé als junges Mädchen

Mein Name ist Canta Bilé. Geboren wurde ich im Jahre 834 in einem Kloster. Die jungen Sänger probten gerade, was so schief klang, dass meine Mutter übermäßig in Bewegung versetzt wurde und dadurch die Wehen vorzeitig begannen. Eine neugeborene Note ist, im Gegensatz zu euren hässlichen und runzligen Kindern, das perfekte Abbild seiner Mutter. Sie ist auch nicht kleiner als die Mutter. Die Noten, die für euch auf den Fotos kleiner aussehen [Anmerkung d. Hrsg.: Es handelt sich wohl um Stichnoten und/oder Vorschläge], sind einfach nur so kurz, dass sie vom Ton-Licht-Generator nur schlecht wahrgenommen werden. [Anmerkung d. Hrsg.: Ein „Ton-Licht-Generator“ scheint wie eine Kamera für Noten zu funktionieren. Über Aufbau und Funktionsweise ist aber leider nichts bekannt. Bemerkenswert ist aber, dass die Autorin den Begriff Foto nutzt, um Notenausgaben zu beschreiben, nicht aber den Begriff „Kamera“ oder „Fotoapparat“.]

Lange Zeit trug mich meine Mutter direkt an der Brust. Dabei müsst ihr jedoch beachten, dass meine Mutter nicht selbst entschied, was sie tat. Hätten die Menschen dieser Zeit anders musiziert, so wäre ich sicherlich bald von ihr getrennt worden, weggetrieben durch die Stringendo-Kraft. So ließ man ihr die Zeit, sich langsam von mir zu trennen. Erstmal folgte ich ihr, was sie auch tat. Wenn sie aß, las, aufräumte, mich wickelte oder schlief, immer war ich da. Übrigens schliefen wir zu der Zeit seltener als heute, denn die Mönche in unserem Kloster musizierten sehr viel. [Anmerkung d. Hrsg.: Mönche beteten fünf Mal am Tag, dabei wurde immer auch einstimmig gesungen. Wäre Canta an einem anderen Ort geboren, zum Beispiel in einer einfachen Familie oder hätte noch häufiger den schiefen Gesang der jungen Mönche erlebt, wäre ihre Kindheit sicherlich anders verlaufen.]

Dann kam der große Tag, an dem ich meinen Vater kennenlernte. Er war durch ein Gebetslied geweckt worden und kam dadurch langsam auf uns zu. Da wir gerade schliefen, bekamen wir das aber nicht mit. Doch dann wurde ich wach. Als ich den Kopf hob, sah ich ihn. Er war noch ziemlich weit weg, aber er blinzelte mir zu. Ich wusste sofort, dass er mein Vater ist. Ich selbst hatte noch kein Gefühl für die Entfernung, aber ich spürte die Erleichterung meiner Mutter, die inzwischen auch erwacht war, als die Stringendo-Kraft uns zwar antrieb, aber immer in der gleichen Entfernung zu Papa hielt. Sie fühlte sich offensichtlich wohl in dieser Entfernung, da Väter dazu neigen, ihr Kind der Mutter wegzunehmen, sobald es die Stringendo-Kraft erlaubt. Dann gehen die Kinder oft ein, weil der Vater nicht das natürliche Wissen besitzt, sie groß zu ziehen und dieses Wissen von Frauen in der Regel nicht geteilt wird. [Anmerkung d. Hrsg.: Ob und wie sich die geschlechtlichen Unterschiede den Menschen im Notenbild darstellen, ist noch nicht geklärt. Interessant erscheint aber, dass es auch bei den Noten ein sehr von geschlechtlichen Rollen geprägtes Familienleben zu geben scheint. Die Bewegung im gleichen Abstand parallel zum Vater könnte sich auf ein Quart- oder Quintorganum beziehen, bei der die Stimmen im genannten Intervall parallel geführt wurden.]

An meine Kindheit kann ich mich kaum erinnern, die meisten Erinnerungen sind wohl aus späteren Erzählungen meiner Mutter entstanden. Hängen geblieben sind bei mir hauptsächlich Regeln, die meine Mutter gemacht hat. Die oberste Regel, die alle Noten vom ersten Lebenstag an eingebläut bekommen: Kämpfe niemals gegen die Stringendo-Kraft an. Sonst ist man nämlich schnell so entkräftet, dass man stirbt. Man muss sich immer treiben lassen, auch wenn die Stringendo-Kraft einen an einen Ort bringt, an den man nicht will. Außerdem erinnere ich mich an viele andere Noten, die immer parallel zu mir und meiner Mutter getrieben wurden, sodass man sich lange Zeit miteinander bewegte, allerdings aufgrund der Entfernung nicht miteinander sprechen konnte, was einem ein eigenartiges Gefühl von vertrauter Fremdheit gab.

Oberkapitel: Das Tagebuch der Note Cante Bilé, weiterlesen: Erfahrung der Intervalle