Originalzeichnung Bilés

Vielleicht könnt ihr ja, falls dieses Buch irgendwann bei euch landet, diese Zeichnung sehen. Wenn sie sich nicht wie ein Foto verhält, sollte darauf eine Note zu sehen sein, wie ich sie sehe: Das Ding, was oben aus der Note herausguckt ist schlicht und einfach seine Frisur. Je nachdem, wie eine Note durch die Stringendo-Kraft bewegt wird, sieht man die Haare gar nicht, nur den Haaransatz (wie man auf die Idee kommen kann, den Haaransatz Notenhals zu nennen, werde ich wohl nie verstehen) oder die Haare verschieden breit gefächert. [Anmerkung d. Hrsg.: Dies zeigt wie Notenlängen für uns sichtbar werden. Mehr zum Thema Notenlängen findet ihr hier im Grundwissen.] Irgendwann geschah es, dass ich auch meine Mutter so von Ferne sah. Nach der relativ langen gemeinsamen Zeit, die uns vergönnt gewesen war, wurde ich von der Stringendo-Kraft festgehalten, während meine Mutter wegtrieb. Die erste Zeit war schrecklich.

Canta Bilé als Baby und ihre Mutter

Wir wachten gemeinsam auf und dann ließ sie mich in meinem Bettchen liegen und ging zur Tür. Ich schrie ganz fürchterlich und weinte und wollte zu ihr. Mir war nicht bewusst gewesen, dass sie mich irgendwann allein lassen musste und ich wusste nicht, was jetzt folgen würde. Die Entfernung war mir extrem unangenehm und ich versuchte mit aller Kraft, meiner Mutter zu folgen. Sie versuchte ihre Angst und Sorge zu verbergen und mich zu beruhigen, damit ich aufhörte gegen die Stringendo-Kraft anzukämpfen, da mir das all meine Kraft rauben würde. Doch das verstand ich als Notenbaby natürlich noch nicht. Dann wurde meine Mutter aus dem Zimmer getrieben. Ich gab das Kämpfen auf, weil ich intuitiv wusste, dass ich schon viel zu entkräftet war, um solch eine Strecke überwinden zu können.

Ich versuchte jetzt, mich zu entspannen. Plötzlich wurde mir klar, dass es wohl der Zeitpunkt war, um alleine zurechtzukommen. Ich war wohl alt genug. Außerdem schliefen alle anderen Noten um mich rum. In nächster Zeit würde mir also keiner gefährlich nahe kommen. So fühlte ich mich, ich wusste damals noch nicht warum, sogar ganz wohl, als meine Mutter sich noch ein Stück weiter entfernte. Irgendwie fühlte ich mich jetzt groß, erwachsen, als die Stringendo-Kraft dann auch mich erfasste und ich mich, zum ersten Mal alleine, parallel zu meiner Mutter bewegte. Nachdem ich ihr dann eine ganze Weile von Ferne zugeschaut hatte, wie sie ihr Tagwerk verrichtete, immer parallel laufend, kam sie mir wieder näher. Mir war meine Mutter nicht peinlich, wie es ja manchmal bei euch Menschen ist, aber als sie wieder näher kam, fühlte ich mich doch unwohl und wollte meine gerade erst gewonnene Selbstständigkeit nicht wieder aufgeben. Erst als ich wieder an ihr hing, merkte ich, wie klein ich doch war und wie sehr mich meine Mutter liebte. [Anmerkung d. Hrsg.: Bei den von der Note angesprochenen Gefühlen von Unwohlsein scheint es Parallelen zu der von Menschen empfundenen Spannung/Reibung von Intervallen zu geben.]

Oberkapitel: Das Tagebuch der Note Cante Bilé, weiterlesen: Über die Menschen