Wenn ich von „der Notenschrift“ spreche, ist für die meisten Menschen klar, welche damit gemeint ist, nämlich die traditionelle europäische Notenschrift. Doch immer wieder gibt es Musiker/innen, die diese Schrift hinterfragen und mit eigenen Notenschriften experimentieren. Die traditionelle Notation ist ein hochkomplexes System, schwer zu erlernen und an manchen Stellen wirkt sie nicht unbedingt logisch (vgl. Miller, Bonnici und El-Assady 2019, S.1). Ziel der Experimente ist es in der Regel, die Notenschrift zu vereinfachen, intuitiver zu gestalten und dabei trotzdem der Komplexität der dargestellten Musik gerecht zu werden (vgl. Lehmann 1993, S.487). Außerdem gibt es immer wieder Versuche, die Schrift logischer werden zu lassen, indem sie an ein bestimmtes Instrument oder einen Stil angepasst wird (z.B. Klavarskribo).

Entstehung der Notenschrift

Wie sich die Notenschrift entwickelt hat, kannst du hier nachlesen. Wichtig für uns ist, dass sie zunächst für die diatonische Musik des 11. Jahrhunderts gedacht war, in der es noch gar keine Vorzeichen gab (das Problem mit dem b und dem h lassen wir hier mal außen vor). Dementsprechend war sie damals auch logisch: Die Zeichen folgten dem, was man von Vorsängern oder „Dirigenten“ an Bewegungen kannte, der Rhythmus ergab sich aus dem Text. Je genauer die Musik dann allerdings aufgezeichnet wurde, desto komplexer wurde die Schrift. So musste zum Beispiel Rhythmus gekennzeichnet werden.

In den folgenden Jahrtausenden wurde dann auch die zu notierende Musik komplexer: Verschiedene Tonarten und Modulationen, unregelmäßige rhythmische Unterteilungen und Polyphonie kamen auf und immer genauere Vorstellungen des Komponisten über Dynamik und Ausdruck mussten aufgezeichnet werden. So entstanden immer mehr Zeichen, sodass die heutige Notenschrift viele Ebenen über- und nebeneinander enthält (vgl. Wiesenthal 1995, S.234). Dieser Prozess ist übrigens noch nicht abgeschlossen. Für die Aufzeichnung von Musik anderer (Klang-)kulturen und auch für Notationen der sogenannten „Neuen Musik“ werden immer wieder neue Zeichen entwickelt, die den Musizierenden dann mittels einer Legende erklärt werden müssen. 1974 gab es deshalb die International Conference on New Musical Notation in Belgien, bei der Musiker/innen versuchten, per Abstimmung über fast 400 Symbole eine Vereinheitlichung der Sonderzeichen zu erzielen (Gaare 1997, S.22).

Alternative Notationen

Heute ist die Situation so, dass Instrumentalist/innen viele verschiedene Stile spielen, die sehr unterschiedliche Anforderungen an Notation stellen und trotzdem zum Großteil in der traditionellen Notation notiert werden. Das hat natürlich den Vorteil, dass nur eine Schrift gelernt werden muss und diese ist bei den meisten Berufs- und auch Laienmusizierenden schon tief verwurzelt (Gaare 1997, S.22). Für Neueinsteiger/innen in Sachen Musik scheint diese Schrift aber oft genug verwirrend.

Eine Idee, um Notation übersichtlicher zu machen, ist das Hinzufügen von Farben oder Symbolen. Hierdurch sollen musikalische Zusammenhänge auf den ersten Blick klar werden und die Notation ansprechender wirken (vgl. Kuo und Chuang 2013, S.399). Solche Systeme basieren auf der traditionellen Notation und können von vielen musikalisch versierten Menschen daher direkt gelesen werden (Miller et al. 2019, S.1). Sie laufen allerdings Gefahr, das Notenbild weiter zu verkomplizieren, weil sie etwas hinzufügen.

Die Hummingbirdnotation (www.hummingbirdnotation.com) übernimmt von der traditionellen Notation die Linien und die Notenschlüssel. Sie fügt dem Notenkopf ein Symbol im Kreis hinzu, welches ebenfalls die Tonhöhe symbolisiert und zeigt die Tonlänge über einen angehängten Strich. Kreuz und B-Vorzeichen hängen ebenfalls direkt am Notenkopf. Musiker/innen könnten diese Notation aufgrund der Nähe zur traditionellen Notation recht schnell erlernen.

Hier haben drei Autor/innen der traditionellen Notenschrift einen „harmonischen Fingerabdruck“ hinzugefügt. Dieser wurde mathematisch errechnet und zeigt den Musizierenden vor allem, wo sich harmonische Zusammenhänge wiederholen. So soll ein schnelleres Verständnis der Musik erreicht werden. Dies gelingt am besten dort, wo sich die Harmonien auch einmal im Takt ändern, von den Autor/innen wird deshalb Tanzmusik vorgeschlagen (Miller et al. 2019).

Dieses Beispiel wurde von einer Klavierlehrerin erstellt. Sie fügte für ihre Schüler/innen farbige Markierungen ein, die Sequenzen und Motive markieren und so als musikalisch orientierte Gedächtnisstütze zusätzlich zur Notenschrift fungieren (Sabrowski 2019, S.91f).

Das Gegenteil, nämlich das Weglassen bestimmter Teile der Notation, kann auch für mehr Übersichtlichkeit sorgen. Insbesondere für Anfänger/innen kann es hilfreich sein, sich zunächst auf die relevantesten Bestandteile der Notation zu beschränken und diese nach und nach zu ergänzen1. Hier sollte es allerdings nicht dazu kommen, dass die Musik vereinfacht wird, indem beispielsweise dynamische Angaben einfach ausgelöscht werden (vgl. Lehmann 1993, S.487).

Die Dodekanotation nutzt eine Darstellung aller zwölf Töne auf vier Linien ohne Vorzeichen. Außerdem verzichtet sie auf die symbolische Darstellung von Rhythmus und wählt stattdessen eine intuitive proportionale Darstellung in Balkenlängen. Weitere Zeichen, beispielsweise für Artikulation und Dynamik, werden wie gewohnt verwendet (www.dodekamusic.com).

Die Modified Stave Notation ist eine Notation, die ursprünglich für Menschen mit Sehbehinderungen entwickelt wurde. Hier geht es darum, die traditionelle Notation an die Bedürfnisse des Einzelnen anzupassen, beispielsweise indem Zeilen vergrößert werden oder eben auch störende Zeichen (wie Phrasierungsbögen) ersetzt werden (zum Beispiel durch kleine Markierungen) (RNIB ohne Jahr; Sabrowski 2019, S.134ff).

Eigenständig entwickelte Schriften haben das Potential, möglichst viele Makel der traditionellen Notenschrift zu umgehen. Allerdings haben sie es schwer, sich durchzusetzen, weil es ihnen an Bekanntheit mangelt. Noten, die keine Zielgruppe haben, die sie lesen könnten, werden verständlicher Weise von den Verlagen kaum gedruckt (Gaare 1997, S.22). Wird eine Schrift für ein bestimmtes Instrument entwickelt, so kann dies für Schüler/innen, die ihre Noten austauschen wollen oder zwei Instrumente lernen, einen Nachteil bedeuten. Hier könnten allerdings elektronische Lösungen helfen, die die Noten „übersetzen“, so wie es auch für transponierende Instrumente sinnvoll ist (ebd., S.19).

Die Jianpunotation oder auch Ziffernnotation ist in China auch heute noch verbreitet. Sie basiert auf einem Zählsystem, bei dem der Grundton einer Durtonart mit 1 bezeichnet wird, die weiteren Töne aufsteigend mit 2-7. Der Rhythmus stellt sich auch hier durch räumliche Proportionen, markiert durch waagerechte Striche dar, die Oktavlage durch Punkte über und unter den Ziffern (en.wikipedia.org). Die Notation korreliert mit der relativen Solmisation.

Klavarskribo ist eine Notation extra für Tasteninstrumente, welche vor allem in den Niederlanden weite Verbreitung erfahren hat. Sie stellt tiefe Noten links dar und hohe Noten rechts, eben so, wie die Tasten auf einer Klaviatur angeordnet sind. Schwarze Notenköpfe sind schwarze Tasten und weiße Notenköpfe weiße Tasten. Gelesen wird von oben nach unten, wobei auch hier der räumliche Abstand den Rhythmus darstellt, die Zählzeiten sind zu Beginn markiert (Stichting Klavarskribo 2016, S.12).

Die Autoren Kuo und Chuang haben eine Schrift entwickelt, bei der die Tonhöhe als eine Farbe dargestellt wird, die Form anzeigt, ob es sich um einen Ton mit oder ohne Vorzeichen handelt, die Größe die Dynamik bestimmt und Punkte unter und über dem Symbol die Oktavlage anzeigen. Auch hier wird der Rhythmus über die räumlichen Abstände notiert (Kuo und Chuang 2013).

Welche Notenschrift für mich, mein Kind oder meine Schüler/innen?

Folgende Fragen sollten bei der Entscheidung für oder gegen eine Notenschrift bedacht werden:

(1) Welche Notenschrift wird im Umfeld gelernt?

Die meisten Schüler/innen lernen die traditionelle Notenschrift. So können Noten ausgetauscht werden, man kann sich darüber unterhalten, etc. Wird aber an einer Schule eine alternative Notenschrift gelernt und das Instrumentalspiel bleibt in diesem Umfeld, spricht nichts gegen die Alternative. Das selbe gilt für Gitarrentabulaturen, die in einem Umfeld von Gitarrist/innen üblich sind. Wer aber in einem Orchester zunächst alle Noten umschreiben (lassen) muss und sich nicht in den Noten anderer orientieren kann, wird schnell frustriert sein. (So kennen es im übrigen viele transponierende Instrumentalist/innen.)

(2) Welche Literatur oder Lehrmittel sind von Interesse?

Wer keine Noten in seiner Schrift findet oder nur ein sehr eingeschränktes Repertoire, der muss sich bald seine Stücke selbst heraushören und durch nachspielen lernen. Das ist nichts schlimmes, sollte aber bedacht werden. Wenn an einer Musikschule oder Schule nur eine alternative Notenschrift gelehrt wird, kann es für die Schüler/innen schwer werden, über den Tellerrand zu schauen und sich eigene Stücke zu suchen. Gitarrentabs hingegen sind in großer Zahl auf dem Markt verfügbar und auch zum Beispiel Klavarskribo setzt sich zunehmend durch und ist über das Internet weltweit zu erwerben.

(3) Bestehen technische Lösungen zum Schreiben und Übersetzen? Kann von Hand geschrieben werden?

Eine gute Notenschrift sollte man auch selbst schreiben können. Für eine schnelle Handschrift sollten die Schriftzeichen nicht zu komplex sein. Für den Computer sollte es Schreibprogramme geben und ideal wäre es natürlich, wenn ein Programm von der traditionellen Schrift in die alternative Schrift übersetzen könnte, denn dies würde das Repertoire an verfügbaren Noten enorm erweitern.

(4) Geht die alternative Notenschrift auf meine persönlichen Probleme und mein Instrument/meinen Musikstil ein?

Wenn es bereits Probleme mit dem Lesen der traditionellen Notenschrift gab, so sollte analysiert werden, wo die Bedürfnisse der Schüler/in liegen. Gab es Raum-Lage-Schwierigkeiten, so kann es lohnen auf eine Art der Tabulatur umzusteigen. Liegt die Problematik im Nichterkennen von Pattern, so kann es helfen, wenn diese beispielsweise farblich verdeutlicht werden. Soll hauptsächlich Pop gespielt werden und die Schüler/in ist nicht glücklich mit den Arrangements, kann die Nutzung von Text und Akkordsymbolen die Lösung sein.

Fazit

Ansätze für Alternative Notenschriften gibt es viele. Allerdings muss hier gesehen werden, wofür diese verwendet werden sollen. Geht es um eine Notenschrift für alle, bin ich weiterhin Fan der traditionellen Notenschrift. Sie ist allgemein bekannt, bereits erprobt in Erweiterungen für bestimmte Stile und Instrumente und wenn man sie erst mal lesen kann, gibt sie die Möglichkeit, sich fast jede Art von Musik selbstständig zu erschließen. Geht es aber um Notenschriften für bestimmte Stile, Instrumente oder Lerntypen, so kann eine alternative Notenschrift durchaus die Lösung sein. Dabei sollte es sich allerdings um eine ausgereifte und erprobte Schrift handeln, die auch Möglichkeiten des selbstständigen Lernens ermöglicht.

Hingewiesen werden sollte an dieser Stelle auch noch einmal auf die technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit, die es ermöglichen, dass Schriften schnell und sehr genau geschrieben und übersetzt werden können (Miller et al. 2019, S.2; Kuo und Chuang 2013, S.399). Auch können mit recht wenig Ressourcen individuelle Lernmittel für jeden Typ des Lernens entwickelt werden, was eine große Chance gegenüber den vergangenen Jahrhunderten ist.

Oberkapitel: Andere Musiknotationen

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1Experimente, zum Beispiel von Helga de la Motte-Haber, zeigen, dass Anfängerinnen im Notenlesen sich zunächst auf die Tonhöhe konzentrieren und Extrazeichen, wie Artikulation, Dynamik, etc. noch nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen (Wiesenthal 1995, S.236-237).

Quellen:

en.wikipedia.org/wiki/Numbered_musical_notation

Gaare, Mark: Alternatives to traditional Notation. In: Music Educators Journal, Ausgabe März, 1997, S.17-23.

Kuo, Yi-Ting; Chuang, Ming-Chuan: A proposal of a volor music notation system on a single melody for music beginners. In: International Journal of Music Education. Ausg. 31(4) 2013, S.394-412.

Lehmann, A. C.: Vomblattspiel und Erkennen musikalischer Formen. In: Bruhn, H.; Oerter, R.; Roesing, H. (Hrsg.): Musikpsychologie – Ein Handbuch. Reinbek 1993, S.486-492.

Miller, Matthias; Bonnici, Alexandra; El-Assady, Mennatallah: Augmenting Music Sheets with Harmonic Fingerprints. In: DocEng ’19, Ausgabe September, 2019, S.23-26.

Royal National Institute of Blind People (RNIB) (Hrsg.): Modified Stave Notation. Ohne Ort und Jahr [www.rnib.org.uk/information-everyday-living-home-and-leisure-music-reading-music-accessible-formats/modified-stave-notation; abgerufen 30.07.2020]

Sabrowski, Annika: Legasthenie im Instrumentalunterricht. Osnabrück 2019.

Stichting Klavarskribo (Hrsg.): The Klavar Method – Play Your First Melody Within Ten Minutes. Ridderkerk 2016.

Wiesenthal, R.: Wahrnehmen, Verstehen, Wiedergeben – Anmerkungen zu drei Notenschriften für blinde und sehende Kinder. In: Maas, G. (Hrsg.): Musiklernen und Neue (Unterrichts-)Technologien. Essen 1995, S.225-254.

Www.dodekamusic.com

Www.hummingbirdnotation.com